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Monat: Mai 2016

Trügerische Idylle

Ein weißer Schnellzug rast mal wieder sachte,
von einer grünen Landschaft eingerahmt,
zur nächsten Großstadt, wie er’s oft schon machte.
Ein Fahrgast liest ein Buch, ein andrer kramt
nach seinem Ticket und der Zugbegleiter
geht lächelnd und gemächlich durchs Abteil.
Ein Bahnhof. Kurzer Halt. Der Zug fährt weiter.
Die Reisenden entspannen sich, auch weil
sie froh sind, heute nicht im Stau zu stehen.
Stattdessen können sie sich jetzt entspannen
und Wald und Flur vorüberziehen sehen –
mit weiten Feldern, ewig grünen Tannen,
und einem Wiesenhang voll junger Trauben.
Kein nennenswerter Grund sich zu beklagen,
so möchte man bei dieser Zugfahrt glauben –
doch mancher Fahrgast spürt ein Unbehagen,
als ob heut irgendeine Sache fehlte.
Auch jene Menschen, die vor Fahrtantritt
ein leichter Hauch Zufriedenheit beseelte,
fahr’n alles andre als entspannt hier mit
und hocken ganz bedrückt auf Polstersitzen,
umgeben von dem angespannten Schweigen
der andern Reisenden. Die ersten schwitzen,
obwohl im Zug die Temp’raturanzeigen
belegen: hier ist gute Luft im Wagen;
das Urteil neuer Klima-Technik wiegt
jedoch nicht viel, wenn sich die Leute fragen,
was in der Luft, die scheinbar gut ist, liegt.

Bevor das alle zur Verzweiflung treibt,
geschieht zum Glück ein Wunder oder Zeichen:
Denn als der Zug auf einmal stehen bleibt,
der Zugbegleiter durchsagt: „Wir erreichen
das Ziel aufgrund von technischen Problemen
heut leicht verspätet“, atmen alle auf
und können endlich ihre Lieblingsthemen
(die im vorangegang’nen Fahrtverlauf
dank Pünktlichkeit zu kurz gekommen sind)
besprechen: „Ach, das war ja wieder klar!“ –
„Das darf nicht wahr sein!“ – „Du, der Bahnchef spinnt!“ –
„Ich weiß, warum ich mir den Zug sonst spar!“
„Es ist doch wirklich überall das Gleiche …“
Die vorher angespannte Atmosphäre
ist fort, als ob sie über eine Weiche
ganz plötzlich umgeleitet worden wäre.
Und als der Zug – laut Plan – mit zehn Minuten
Verspätung einfährt, kriegt das Personal
der Bahn zu hör’n, das sei nicht zuzumuten!
Ja, Zugfahr’n überhaupt sei eine Qual!

Und so ist alles wieder ganz normal.

Michael Feindler 2016

Vorbemerkung zum Blog

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Michael Feindler