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Kategorie: Allein unter Menschen

Jahrgang 1989

Liedtext

Wir wurden geboren als die Mauer fiel,
der kalte Krieg schmolz grad dahin.
Ein einziges Deutschland, hieß das neue Ziel,
und wir standen mittendrin.
Unsre Kindheit begann in den 90er Jahren,
wir genossen es im Großen und Ganzen.
Wir konnten unser Taschengeld in D-Mark sparen
und dachten noch nicht dran uns fortzupflanzen.
Die Hauptstadt hieß jetzt statt Bonn Berlin,
wir lernten das nicht anders kennen,
wir steckten voll mit Ernergien,
wir konnten nur keine Quelle benennen.
Man sagte uns: „Versprechen müsst Ihr halten.“
Das bewies uns allen Helmut Kohl.
Auch wir wollten später Gelder verwalten
und fühlten uns dank Werbung wohl.

Wir lernten früh den Nutzen der Ellenbogen,
um nicht arbeitslos zu enden.
Wir waren lieber selbstbezogen,
als Mitglieder in Verbänden.
Essensbewusster wurden wir
durch Dioxin und BSE,
den Klimawandel erklärte uns hier
ein gewisser Al Gore aus Übersee.
Wir erlebten das Ende der Sicherheit,
als der Terror New York erreichte.
Wir waren noch Kinder, als die neue Zeit
die idyllischen Träume verscheuchte.
Dennoch hatten wir nie mit einem Krieg zu tun,
zumindest hatten wir nie das Gefühl.
Fast zu Lebzeiten könnten wir in Frieden ruh’n,
blieb Gewalt ein Computerspiel.

Wir suchten Erfolg bei RTL
und diversen Casting-Shows,
Wir dachten, so würden wir besonders schnell
berühmt und richtig groß.
Elektronisch warn wir stets auf dem neu’sten Stand,
wir lebten online und global,
Infos strömten vorbei am Bildschirmrand,
wir waren international.
Das Internet wurde zum Lebensraum,
da war jeden Moment was los:
ob bei Ebay der moderne Shopping-Traum
oder Youtube-Videos.
Über Facebook, Twitter und StudiVZ
schickten wir uns sinnlose Zeilen.
Wir machten damit das Bedürfnis wett,
uns ständig mitzuteilen.

Wir wurden geboren als die Mauer fiel,
der Kalte Krieg schmolz grad dahin.
Wir haben die Selbsterhaltung als Ziel
und vielleicht ein bisschen Gewinn.
Wir sind die vernetzte Generation,
sich zu treffen kann kaum leichter sein.
Doch trotz ständiger Kommunikation
fühlen wir uns häufig allein.
Vieles strömt auf uns ein, wir wollen alles versteh’n,
doch nicht alles ergibt einen Sinn.
Wir laufen, wir rennen, wir stoppen, wir geh’n,
wir wissen nur noch nicht, wohin.

Michael Feindler 2009

Ausflug ins Atomkraftwerk

Liedtext

Herr Walter war Lehrer für Chemie und Physik
und verkündete seiner Klasse erfreut:
„Kinder, was habt Ihr für ein Glück:
Wir machen einen Ausflug heut!
Ein Schüler rief laut: „Das wird ein Knaller!“
und wenig später saßen sie im Bus
nach Brunsbüttel und zur Freude aller
war dieses fröhliche Lied ein Muss:

Steigt ein, steigt ein, jetzt geht es los,
durch die Straßen, übern Berg.
Hey, da ist die Freude groß,
wir fahren ins Atomkraftwerk!

Das Gebäude war von außen halb zerfallen,
als wär’s vom Aussterben bedroht.
Die historische Fassade gefiel gleich allen,
auf einem Schild stand: „Rauchverbot“.
Dennoch war die Besichtigung top,
denn die Schüler fanden in der Tat
in einem kleinen Souvenir-Shop
noch Brennstäbe im Mini-Format.

Steigt ein, steigt ein …

Die Kinder liefen fröhlich über das Gelände,
ein Abenteuerspielplatz bot sich hier.
Sie erklommen hohe, beschmierte Wände,
in diesem Energie-Revier.
Ein paar Jungs gingen schwimmen am nahen See,
das Wasser am Kraftwerk war angenehm warm.
Peters Asthma war danach passé
und Felix wuchs ein dritter Arm.

Steigt ein, steigt ein …

Seit diesem Ausflug weht ein völlig neuer Wind.
Begeistert erzählt davon noch heute jedes Kind.
Du musst mit deinen Kleinen also nur ins Kraftwerk geh’n,
um sie – wie sonst selten – so strahlend zu seh’n,
weshalb man auf den Demos vor jedem Kraftwerk liest:
„Denkt an unsre Kinder, bevor ihr alle schließt!“

Michael Feindler 2010

Metaphorisches Duell. Der Tragödie zweiter Teil

Erfahrungsgemäß trifft man in Situationen, die man nicht gebrauchen kann, häufig auch die Menschen, die man noch weniger gebrauchen kann. Wie ein schicksalhafter Schweißfilm ziehen unangenehme Situationen grundsätzlich die nervigste Schmeißfliegen an. Diese Theorie bestätigte sich kürzlich, als mir eine Kletterpartie in den Schweizer Alpen zum Verhängnis wurde.
Im sonnenüberfluteten Übermut war ich auf einen grasbewachsenen Felsvorsprung hinabgeklettert. Von dort aus hatte man eine sagenhafte Aussicht auf die umliegende Landschaft. Ich genoss es einige Minuten lang, bis ich feststellte, dass sich der Rückweg weitaus komplizierte gestalten würde. Als ich mich nämlich an der steinigen Wand hoch zerren wollte, entpuppte sich diese als äußerst benutzerunfreundlich. Ein Stück brach ab und wenig später saß ich wieder auf dem knapp bemessenen Felsvorsprung.
Zwei Quadratmeter Bewegungsfreiheit sind nicht viel. Erst recht nicht, wenn sich hinter dir eine Steinwand und vor dir ein 2000 Meter tiefes Tal befindet. Gezwungenermaßen rief ich um Hilfe, in der Hoffnung, irgendwann werde mich schon ein Wanderer hören. Zu meiner Überraschung tauchte schon kurz darauf ein Gesicht über mir auf.
„Heil dir, niedergestochener Cäsar!“ drang es zu mir hinunter. „Was für eine unangenehme Lage.“
Ich zuckte zusammen. Dort oben stand niemand Anderes als mein Lieblingsfeind, der Dichter Holger Meisenbach. Instinktiv rief ich zurück: „Wünsche dir einen mottenzerfressenen guten Tag, du jodelnde Heino-Attrappe! Deine Visage hat die beruhigende Wirkung eines fegenden Tsunamis, einer mutierten Tarantel oder einer Kriegserklärung der USA. Allein deine Anwesenheit ist wie ein Salatblatt an der Metzgertheke, ein Freibadbereich im Klärwerk, ein Gurken-Logo auf einem Apple-Computer oder eine Kondomwerbung im Vatikan! Du bist wie ein alkoholfreier Whiskey, ein geflicktes Küchensieb, eine Eintagsfliege mit Monatskarte oder ein naturalistisches Picasso-Gemälde!“
Mir war bewusst, dass diese Worte hier völlig fehl am Platz waren, vor allem in Anbetracht meiner Situation. Aber bei Holgers herablassendem Blick hatte es mich einfach überkommen. Nun beugte er sich etwas weiter vor und setzte sein fieses Josephsgrinsen auf, bei dem ich nie ganz wusste, ob es mich eher an Joseph Ackermann oder Joseph Ratzinger erinnerte.
Meinen Angriff ließ er natürlich nicht unerwidert: „Du abgestumpftes Henkerbeil! Ich bin das Loch im Aquarium deiner Hoffnungen; eine Dynamitstange in der Kloschüssel; deine hässliche Affäre in den Flitterwochen und die Schafsherde im Eisenbahntunnel. Ich bin so verlässlich wie ein vegetarischer Löwe; ein Medikament aus dem Internet; ein Kaffeerunde, die ein Geheimnis für sich behalten soll oder ein Fallschirm auf dem Rücken von Jürgen Möllemann!“
Auch wenn ich auf einem zwei Quadratmeter großen Felsvorsprung saß – gegenüber Holger Meisenbach würde ich unter keinen Umständen klein beigeben. Diese Provokationen schrieen nach einer Antwort. Somit rief ich nach oben: „Du braun gefleckte Milka-Kuh! Du bist wie eine 24-Stunden-Ausgabe des Musikantenstadels, ein chinesischer Gabelbenutzer, ein Rahmspinat ohne „Blubb“ oder eine Dampfwalze im Porzellanladen. Du Werwolf im Schafspelz, du Kettenbrief-Container, du achteckiges Pentagon, du apokalyptischer Kunstreiter! Ich werde für dich wie die Mücke in der finnischen Sauna sein; wie die glühende Zigarette im Benzinkanister; der motorgetriebene Rollstuhl ohne Bremsen; das Vorwort zu deinem Obduktionsbericht und so gradlinig wie der Satzbau von Edmund Stoiber!“
Holgers Josephsgrinsen wurde noch breiter. Anstatt den Wortkampf mit fairen Mitteln fortzusetzen hob er nur kurz die Hand und sagte: „Tschüs! Genieß die Zeit an der frischen Luft. In drei Stunde sag ich vielleicht mal der Bergwacht Bescheid.“
Dann war er weg und ließ mich auf dem Felsvorsprung zurück. Die Zeit bis zum Erscheinen der Bergwacht verbrachte ich zunächst damit, eine blaue Enzianblüte anzustarren, bis ich irgendwann nach einem kleinen Stein griff und damit begann, ein Gedicht in den Felsen zu ritzen. Ich widmete es Holger Meisenbach und seinem Verhalten. Es trug den Titel:

Taktlos

Er war ein muskulöser Mann,
Student im Fach Maschinenbau,
und machte ganz verliebt sich ran
an eine Germanistikfrau.

Er wusste nicht, was er da wagte,
doch schien es anfangs zu gelingen,
bis er sie eines Tages fragte:
„Soll ich dich jetzt noch nach Hause bringen?“

Er hätte lieber mal geschwiegen.
Die Germanistin wurde bleich.
Er sprach, um’s noch zurecht zu biegen:
„Muss ja auch nicht sofort sein. Wie wär’s…ähm…gleich?“

Das war zu viel. Sie wich zurück
Und schimpfte wütend auf ihn ein:
„Du Kleingeist! Geh mir aus dem Blick!
Wie kann man nur so taktlos sein?!

Ein linguistisches Verbrechen!
Das tut ja in der Seele weh!
Kannst du denn nicht mit Versmaß sprechen?!
Er meinte etwas hilflos: „Nö.“

Da sprach sie – im Gesichte Röte:
„Der Rhythmus ist durch dich gestört!
Was bin ich froh, dass unser Goethe
schon tot ist und dich nicht mehr hört!“

Sie schrie (in Wut bald nassgeschwitzt):
„Den Abend würd’ ich gern genießen!
Wie soll das gehen? Denn du trittst
den Versfuß mit den eig’nen Füßen!

Vergiss auch die Familienplanung!
Was soll ich bloß mit einem Mann,
der vom Trochäus keine Ahnung
und keine Jamben bilden kann?!“

Dann ging sie schnellen Schrittes fort,
er spürte seinen flauen Magen,
ergriff ein letztes Mal das Wort:
„Warte! Ich muss dir was Wichtiges sagen!“

Er hätte sie noch gern geküsst.
Doch als er merkte, dass der Satz
„Ich liebe dich“ ein Jambus ist,
war’s längst zu spät und für die Katz.

Moral: Man kriegt es oft zu spüren,
seit Langem gilt das alte Spiel:
Willst schöne Frauen du verführen,
so brauchst du sehr viel Taktgefühl!

Michael Feindler 2008

Metaphorisches Duell. Der Tragödie erster Teil

Es gibt ja bekanntlich Menschen, die man nicht ausstehen kann und denen man dennoch nicht aus dem Weg geht. Man fiebert solchen Treffen sogar ein wenig entgegen. Wie ein Pfeil, der die Armbrust verlässt, auf sein Ziel zusteuert und voller Vorfreude sein Opfer fixiert; wobei nicht ganz sicher ist, ob das Opfer im letzten Moment vielleicht doch noch ausweichen wird. Ein solcher Mensch, den ich nicht ausstehen kann, dem ich aber nie für immer aus dem Weg gehe, ist der Dichter Holger Meisenbach. Als wir uns das erste Mal begegnet sind, war es Feindschaft auf den ersten Blick. Ich entsinne mich nicht, dass er sich mir gegenüber einmal höflich oder gar freundlich geäußert hätte. Trotzdem lasse ich es mir nur ungern entgehen, ihm gegenüberzutreten, wenn diese unvergleichlich charmant-unverschämten Kommentare über seine Lippen tanzen.
Wie zum Beispiel vergangenen Monat, als wir uns zufällig bei „Burger King“ über den Weg liefen. Er begrüßte mich mit den Worten: „Einen wunderschönen verfaulten Tag, du Schatten deines entleerten Egos! Ich werde das Insektengift im Blumenbeet deiner Zukunft sein; der Grabstein über deinen zermalmten Knochen!“
So fängt es immer an, wenn wir uns treffen. Und wer will so etwas schon auf sich sitzen lassen? Also entgegnete ich: „Sei mir gegrüßt, du unbeschriebenes Blatt Papier! Merk dir ein für alle Mal: Ich bin die zersetzende Salzsäure, die ins Bad der Lebensfreude gekippt wird; der Atommüll auf fruchtbarer Erde und die Brennnessel im Garten Eden! Ich bin der Fels in der Brandung, an dem dein Floß der Hoffnung elendig zerschellen wird; der Pitbull im Hühnerstall und der Skorpion am romantischen Sandstrand! Ich bin das Salz im Erdbeereis; die Rasierklinge, die deine Zahnhaare entfernt; die Schlucht, die aus dem Fluss des Lebens einen stürzenden Wasserfall macht; der Steinhaufen auf den Schienen, die den Weg zu deinem Lebenssinn ebnen und der Betonuntergrund, auf den ein Samenkorn fällt!“
Holger nickte nur selbstsicher. Sein Blick wanderte geringschätzend über die Preisliste des „Burger Kings“ an der Wand. Der Gesichtsausdruck blieb unverändert, als er mich ansah und mir weitere Kommentare ins Gesicht schleuderte: „Du defekte Bildröhre! Ich bin das Blut im Füller, der deine Lebensgeschichte schreibt; das Kanonenrohr in der Klosterkapelle; die unerbittliche Flamme unter dem längst verkohlten Grillwürstchen und der Ärmel, der vier Asse zurückbehält! Ich bin für dich wie ein beinloser Stuhl, ein eckiges Rad, ein Magnet ohne Plus-Pol und eine Rosenhecke ohne Blüten!“
Langsam fand ich, dass er es übertrieb. Wie immer. Doch es juckte mich, dem etwas entgegenzusetzen. Also rief ich: „Du minenloser Bleistift! Du bist wie eine Notrufnummer mit Warteschleife; eine Sintflut aus Kanalisationsgewässern oder eine gammelige Birne auf dem Mittagstisch der Schwedischen Königin! Du verdrecktes Brillen-Putztuch; du wurzellose Buche; du stiefelförmiges Pantoffeltierchen! Ich werde wie ein Kirschkern in deiner Luftröhre sein; wie ein Sekundenzeiger, der dir unaufhaltsam davon hechtet; wie ein Leck im Tank deines Daseins; eine Sackgasse ohne Wendemöglichkeit und so unberechenbar wie die Zahl Pi!“
Zwei Sekunden später stand der Geschäftsführer neben uns. Wir bekamen Hausverbot bei „Burger King“. Draußen auf der Straße schüttelte Holger nur mitleidig den Kopf und sagte bloß sechs Silben: „Du Möchtegern-Poet!“
Zugegeben, ich habe ihm vieles in der Vergangenheit verziehen. Aber das hier war etwas Anderes. Diese Beleidigung prallte nicht ohne Weiteres an mir ab. Ich werde sie ihm noch in drei Jahrzehnten nachtragen. Meine Muse, die den Frontalangriff zum Glück mit einer leichten Verletzung überlebt hat, ließ sich nun erst recht nicht mehr beirren und inspirierte mich zu folgendem Gedicht, das ich an dieser Stelle Holger Meisenbach widmen möchte.
Es trägt den Titel:

Zerstörte Harmonie

Er saß mit ihr auf einer Düne,
den Sonnenuntergang bestaunend;
er blickte mit verzückter Miene
aufs Meer und sagte schließlich raunend:

„Willst du mich heiraten, mein Schatz?
Ich liebe dich! Sei du mir nah!“
Sie hörte lächelnd diesen Satz
und sagte darauf schüchtern: „Nein.“

Er schaute sie entgeistert an.
Sie hatte ihm das Herz gebrochen!
Und er, der sehr verliebte Mann,
er hatte sich zu viel versprochen.

Doch dann probierte er’s erneut
und sprach zu ihr: „Mein bestes Stück!
Hast du die Antwort schon bereut?“
Sie meinte nur: „Da hast du Pech.“

Ihr Tonfall war dabei ganz kühl,
in seinen Ohren klang‘s fast barsch.
Es war ein schreckliches Gefühl.
Der ganze Abend war kaputt.

Was für ein mieses Frauenzimmer!
So hinterhältig und durchtrieben!
Im Gehen sagte er noch: „Immer
und ewig werde ich dich hassen!“

Er ging verzweifelt, aufgewühlt,
und hätte gerne auf der Stelle
Erinnerungen fort gespült
mit einer hohen Meereswelle.

Das Meer blieb aber ganz entspannt,
es ruhte, wurde beinah‘ still
und so erhielt es elegant
die Illusion von dem Idyll.

Mehr lässt sich hierzu nicht berichten,
denn die zerstörte Harmonie
mit netten Worten schönzudichten,
gelingt selbst einem Dichter selten.

Michael Feindler 2007

Das Lied vom Gesetz

Frei nach Schillers Glocke

Fest gemauert in der Erde
steht die Form für ein Gesetz.
Jeder Bürger hofft, dies werde
gut für das soziale Netz.
In die Politik
fließe viel Geschick;
stolz will man das Werk vollenden,
Segen kommt vom Präsidenten.

Im Werke, das wir ernst bereiten,
steckt große Zukunft für das Land;
wenn hübsche Phrasen es begleiten,
klingt selbst das Dümmste elegant.
So lasst uns motiviert betrachten,
wohin uns Interessen tragen!
Doch muss man auch Minister achten,
die gar nicht wissen, was sie sagen.
Denn was den Menschen wirklich zieret,
sind weder Denken noch Verstand,
es kommt drauf an, dass er regieret
ganz selbstbewusst mit starker Hand!

Nehmt Worte, die nach Freiheit klingen,
trocken soll’n sie aber sein!
Um das Werke zu vollbringen,
schmeißt, was ihr noch wollt, hinein!
Kocht mit vielen Köchen
Brei und gebt Versprechen,
dass die Paragraphenspeise
fließe nach des Rechtes Weise.

Was man im Ausschuss überlegt,
im kleinen Kreis, dem Kabinett,
schon bald ein ganzes Volk bewegt,
sind die Gesetze erst komplett.
So werden sie an allen Tagen
die Menschen auf den Wegen lenken
und schlimmstenfalls die Bürger schlagen,
wenn diese eigenständig denken.
Wer unten steht, dem sei zu raten,
in Disziplin sich zu erproben!
Vom Bürger kann man ja erwarten:
Er hört auf das, was kommt von oben!

Blubberblasen sieht man springen,
die Gesetze sind im Fluss.
Lasst’s mit Fachjargon durchdringen,
zeigt es ruhig im Überfluss.
Frei von Widersprüchen,
rein und abgeglichen
seien nun die Paragraphen,
jeder Einwand ist zu strafen!

So hat man schließlich die Gesetze
und wartet auf den schönen Klang,
man wünscht, dass niemand sie verletze
und spürt schon einen Neuanfang.
Die Macher stehen stolz daneben,
das Interessenspektrum klein,
und hauchen den Gesetzen Leben
zum Wohle aller Bürger ein.
Doch das klingt schwach und nicht sehr echt.
Hier ist wohl etwas schief gelaufen.
Denn als vernünftig und gerecht
lässt sich das Ganze nicht verkaufen.

Ein Minister meint zu wissen,
bloß die Form sei Schuld daran,
und behauptet ganz beflissen,
Hohlraum brächte bess’ren Klang.
Alle Bürger fragen,
wo die Fehler lagen.
Drum bedenkt vor jeder Wahl:
Liegt’s vielleicht am Mat’rial?

Michael Feindler 2015

Die Bretter und die Welt

Die Bretter, die die Welt bedeuten,
sind nichts als bloße Unterlagen.
Sie steh’n bereit, um vor den Leuten
ein Stück zu stützen und zu tragen.

Begrenzt sind Lachen, Liebe, List
allein durch einen Bühnenrand.
Selbst wenn das schwer erträglich ist –
die Bretter halten tapfer stand.

Dem Publikum wird viel geboten
und theatralisch präsentiert:
Komödien mit frechen Zoten,
Balladen, sauber rezitiert,

ein Held steigt auf und stürzt dann wieder,
ein Liebesglück bleibt unerfüllt,
es reihen Dramen sich an Lieder,
bis jede Bühne überquillt.

Was sich im Geist der Menschen regt,
will irgendwann auf diese Bretter.
Ein Künstler wünscht, dass er bewegt
und stellt sich gerne neben Götter.

Ja, was soll Kunst denn and’res sein,
als eig’ne Schöpfung zu betreiben?
Vergänglich ist der schön Schein,
auf Bühnen darf er länger bleiben.

Doch was geschäh, wenn Schöpfergeister
darauf bedacht wär’n abzubilden,
was ohne Puder, Schmuck und Kleister
entfernt von künstlichen Gefilden?

Und wenn sie sagten: „Heute zeigen
wir euch, was draußen alles los ist
und werden Übles nicht verschweigen,
weil unser Ärger längst zu groß ist!“

Wie würden Menschen reagieren,
wär das Szenario real?
Würd man nicht länger inszenieren,
Wär purer Alltag zu brutal?

Und wenn man alles niedermähte
und alle Spieler auf der Bühne
vor Publikum erschießen täte –
verzöge jemand eine Miene?

Man könnte alle Bretter sprengen
und einen Teil vom Schauspielhaus –
trotz allem gäb es von den Rängen
am Ende ganz normal Applaus!

Dann würden sich die Reihen lichten,
die Toten blieben einfach liegen,
die Presse würde kurz berichten:
„Das Abendstück war recht gediegen.“

Und keine Spur von Schock-Effekt!
Wer glaubt schon, dass der Wahrheitskern
sich nicht mehr länger gut versteckt?
Den meisten Menschen liegt das fern.

Die Bretter, die die Welt bedeuten,
sind nichts als eine <em>andre</em> Welt.
Denn wie erklärte man den Leuten:
Hier wird die Wahrheit dargestellt?

Michael Feindler 2009

Deutscher Stolz

Ein Deutscher sprach mit stolz geschwellter Brust:
„Wir tragen täglich kiloweise Kohlen!
Wir haben viel geforscht und viel gewusst
und auch geschafft, den Oscar uns zu holen!

Von uns stammt Chemisches wie Aspirin,
wir haben erste Autos hier gebaut,
entdeckten Neues in der Medizin…
Ach, vieles hat sich bei uns angestaut!

Ein Komponist wie Bach schuf hier sein Werk,
wir pflegen seit Jahrhunderten Kultur;
die Zugspitz’ ist ein wahrlich hoher Berg
und Goethe hinterließ hier seine Spur.

Nicht zu vergessen sind Papst Benedikt
und Martin Luther – beides deutsche Männer!
Und Fußballsiege sind uns oft geglückt
und Deutsche sind beim Stichwort Bier die Kenner.

Wir hatten Nietzsche, Schopenhauer, Kant,
Marlene Dietrich und den Götz George,
wir tragen dieses wunderbare Land
und für die großen Dinge auch die Sorge.“

All das erzählte jener Deutsche lang,
er sprach von „wir“ und fühlte sich als Held,
sobald ein Landsmann einen Sieg errang.
Nur eins verschwieg der Deutsche vor der Welt:

Er selbst war beim Finanzamt angestellt.

Michael Feindler 2006

Der PS-König

(frei nach einem bekannten Gedicht von J. W. Goethe)

Wer rast noch so spät durch Nacht und Winde?
Es ist Kurt-Kevin mit seiner Sieglinde.
Er hält das Lenkrad gar fest in den Händen,
der Porsche saust fort und die Fahrt will nicht enden.

„Sieglinde, was birgst du so bang dein Gesicht?“
„Kurt-Kevin, ach siehst du den Blitzer denn nicht?
Den Blitzer – und schau: Hier ist 30er-Zone!“
„Das interessiert mich, mein Schatz, nicht die Bohne.“

Er hat für Bedenken im Hirn keinen Platz,
für ihn ist die Fahrt ein Orgasmus-Ersatz.
Vielmehr noch: Er fühlt sich im Rasen bestärkt,
doch bald wird der Porsche von Dritten bemerkt.

„Kurt-Kevin, Kurt-Kevin, und hörest du nicht:
Sirenen ertönen mit hellblauem Licht!“
„Beruhige dich endlich, oh hübsche Sieglinde,
wir kümmern uns nicht um das Bullen-Gesinde!“

Kurt-Kevin bleibt cool und er äußert vulgär:
„Der Wagen gibt viel – nur mein Schwanz gibt noch mehr!“
Zwar ist’s (unter uns) eine faustdicke Lüge,
doch stecken im Irren stets menschliche Züge.

Es geht immer weiter, sie rasen im Nu
auf einen niedrigen Tunnelbau zu.
Sieglinde mit kreischender Stimme jetzt spricht:
„Kurt-Kevin, das passt von der Höhe her nicht!“

Die Decke des Tunnels den Ausruf beweist,
indem sie das Dach von dem Porsche nun reißt.
Kurt-Kevin jedoch weiß an Lob nicht zu sparen:
„Ich wollte schon immer ein Cabrio fahren.“

Dem Mädchen wird schlecht bei der Fahrt durch die Nacht,
denn ihr hat das Rasen nur wenig gebracht.
Sieglinde ist grün, doch die Ampel zeigt rot;
Kurt-Kevin folgt somit dem Hirn in den Tod.

Michael Feindler 2007

Bahnprobleme

Der Dirk, ein Mensch mit Arbeitsplan,
vertraute auf die Deutsche Bahn,
was er – wie viele andre Leute –
nach langer Wartezeit bereute.

Denn wenn der Job am Morgen rief,
geriet der Dirk ins Stimmungstief
und stand am Bahnsteig auf dem Schlauch
und sich die Beine in den Bauch.

Zwar waren wenige Minuten
an Wartezeit noch zuzumuten,
doch stellte sich recht bald heraus:
Es ging darüber weit hinaus,

weshalb er immer mit den Letzten
bei seinem werten Vorgesetzten
am Morgen im Büro sich zeigte
und somit mancherlei vergeigte.

Dem Chef lag viel an Pünktlichkeit,
drum ging’s ihm irgendwann zu weit,
dass Dirk zu spät zur Arbeit kam,
oft hieß es: „Sie sind viel zu lahm!“

Dirk nahm das als Beleidigung
und sagte zur Verteidigung:
„Die Bahn ist wieder einmal Schuld,
ich bitte Sie um mehr Geduld!“

Doch weil sein Chef es besser wusste,
kam schließlich das, was kommen musste:
Der Arbeitgeber – angesäuert –
bemerkte knapp: „Sie sind gefeuert!“

Dirks Ärger war entsprechend groß,
jetzt saß er nämlich arbeitslos
und ohne jeden Zukunftsplan
am Straßenrand – dank Deutscher Bahn.

Er wollt sich nicht geschlagen geben,
doch ihm verging die Lust am Leben,
und so beschloss er eines Tages:
„Was hab ich zu verliern? Ich wag es!

Mit Würde will ich hier versprechen,
oh Deutsche Bahn, ich werd mich rächen
für die Verspätung jeder Reise:
Ich schmeiß mich morgen auf die Gleise!“

Gesagt, getan. Es war genug.
Er suchte sich den nächsten Zug.
Vollendet wurde die Idee
vor einem Kölner ICE.

Aufgrund des kleinen Zwischenfalls
(das Rollen über einen Hals)
gab’s Hürden im Betriebsablauf,
die fielen durch Verspätung auf.

Und so begann der Spaß von vorn –
bei andern Chefs, mit gleichem Zorn;
Verspätung wollte keinem passen
und mancher wurd wie Dirk entlassen.

Die meisten Arbeitnehmer sahn
als Sündenbock die Deutsche Bahn
und wollten Rachepläne schmieden
in Form von Schienen-Suiziden.

Der Tod auf Schienen wiederum
schmiss jeden guten Zeitplan um,
den Arbeitgebern wurd’s zu viel…
Na ja, ihr kennt das alte Spiel.

Anmerkung:
Wirfst du dich irgendwann aufs Gleis,
bedenk zuvor den Teufelskreis.

Michael Feindler 2008