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Michael Feindler Posts

Die Bretter und die Welt

Die Bretter, die die Welt bedeuten,
sind nichts als bloße Unterlagen.
Sie steh’n bereit, um vor den Leuten
ein Stück zu stützen und zu tragen.

Begrenzt sind Lachen, Liebe, List
allein durch einen Bühnenrand.
Selbst wenn das schwer erträglich ist –
die Bretter halten tapfer stand.

Dem Publikum wird viel geboten
und theatralisch präsentiert:
Komödien mit frechen Zoten,
Balladen, sauber rezitiert,

ein Held steigt auf und stürzt dann wieder,
ein Liebesglück bleibt unerfüllt,
es reihen Dramen sich an Lieder,
bis jede Bühne überquillt.

Was sich im Geist der Menschen regt,
will irgendwann auf diese Bretter.
Ein Künstler wünscht, dass er bewegt
und stellt sich gerne neben Götter.

Ja, was soll Kunst denn and’res sein,
als eig’ne Schöpfung zu betreiben?
Vergänglich ist der schön Schein,
auf Bühnen darf er länger bleiben.

Doch was geschäh, wenn Schöpfergeister
darauf bedacht wär’n abzubilden,
was ohne Puder, Schmuck und Kleister
entfernt von künstlichen Gefilden?

Und wenn sie sagten: „Heute zeigen
wir euch, was draußen alles los ist
und werden Übles nicht verschweigen,
weil unser Ärger längst zu groß ist!“

Wie würden Menschen reagieren,
wär das Szenario real?
Würd man nicht länger inszenieren,
Wär purer Alltag zu brutal?

Und wenn man alles niedermähte
und alle Spieler auf der Bühne
vor Publikum erschießen täte –
verzöge jemand eine Miene?

Man könnte alle Bretter sprengen
und einen Teil vom Schauspielhaus –
trotz allem gäb es von den Rängen
am Ende ganz normal Applaus!

Dann würden sich die Reihen lichten,
die Toten blieben einfach liegen,
die Presse würde kurz berichten:
„Das Abendstück war recht gediegen.“

Und keine Spur von Schock-Effekt!
Wer glaubt schon, dass der Wahrheitskern
sich nicht mehr länger gut versteckt?
Den meisten Menschen liegt das fern.

Die Bretter, die die Welt bedeuten,
sind nichts als eine <em>andre</em> Welt.
Denn wie erklärte man den Leuten:
Hier wird die Wahrheit dargestellt?

Michael Feindler 2009

Deutscher Stolz

Ein Deutscher sprach mit stolz geschwellter Brust:
„Wir tragen täglich kiloweise Kohlen!
Wir haben viel geforscht und viel gewusst
und auch geschafft, den Oscar uns zu holen!

Von uns stammt Chemisches wie Aspirin,
wir haben erste Autos hier gebaut,
entdeckten Neues in der Medizin…
Ach, vieles hat sich bei uns angestaut!

Ein Komponist wie Bach schuf hier sein Werk,
wir pflegen seit Jahrhunderten Kultur;
die Zugspitz’ ist ein wahrlich hoher Berg
und Goethe hinterließ hier seine Spur.

Nicht zu vergessen sind Papst Benedikt
und Martin Luther – beides deutsche Männer!
Und Fußballsiege sind uns oft geglückt
und Deutsche sind beim Stichwort Bier die Kenner.

Wir hatten Nietzsche, Schopenhauer, Kant,
Marlene Dietrich und den Götz George,
wir tragen dieses wunderbare Land
und für die großen Dinge auch die Sorge.“

All das erzählte jener Deutsche lang,
er sprach von „wir“ und fühlte sich als Held,
sobald ein Landsmann einen Sieg errang.
Nur eins verschwieg der Deutsche vor der Welt:

Er selbst war beim Finanzamt angestellt.

Michael Feindler 2006

Der PS-König

(frei nach einem bekannten Gedicht von J. W. Goethe)

Wer rast noch so spät durch Nacht und Winde?
Es ist Kurt-Kevin mit seiner Sieglinde.
Er hält das Lenkrad gar fest in den Händen,
der Porsche saust fort und die Fahrt will nicht enden.

„Sieglinde, was birgst du so bang dein Gesicht?“
„Kurt-Kevin, ach siehst du den Blitzer denn nicht?
Den Blitzer – und schau: Hier ist 30er-Zone!“
„Das interessiert mich, mein Schatz, nicht die Bohne.“

Er hat für Bedenken im Hirn keinen Platz,
für ihn ist die Fahrt ein Orgasmus-Ersatz.
Vielmehr noch: Er fühlt sich im Rasen bestärkt,
doch bald wird der Porsche von Dritten bemerkt.

„Kurt-Kevin, Kurt-Kevin, und hörest du nicht:
Sirenen ertönen mit hellblauem Licht!“
„Beruhige dich endlich, oh hübsche Sieglinde,
wir kümmern uns nicht um das Bullen-Gesinde!“

Kurt-Kevin bleibt cool und er äußert vulgär:
„Der Wagen gibt viel – nur mein Schwanz gibt noch mehr!“
Zwar ist’s (unter uns) eine faustdicke Lüge,
doch stecken im Irren stets menschliche Züge.

Es geht immer weiter, sie rasen im Nu
auf einen niedrigen Tunnelbau zu.
Sieglinde mit kreischender Stimme jetzt spricht:
„Kurt-Kevin, das passt von der Höhe her nicht!“

Die Decke des Tunnels den Ausruf beweist,
indem sie das Dach von dem Porsche nun reißt.
Kurt-Kevin jedoch weiß an Lob nicht zu sparen:
„Ich wollte schon immer ein Cabrio fahren.“

Dem Mädchen wird schlecht bei der Fahrt durch die Nacht,
denn ihr hat das Rasen nur wenig gebracht.
Sieglinde ist grün, doch die Ampel zeigt rot;
Kurt-Kevin folgt somit dem Hirn in den Tod.

Michael Feindler 2007

Bahnprobleme

Der Dirk, ein Mensch mit Arbeitsplan,
vertraute auf die Deutsche Bahn,
was er – wie viele andre Leute –
nach langer Wartezeit bereute.

Denn wenn der Job am Morgen rief,
geriet der Dirk ins Stimmungstief
und stand am Bahnsteig auf dem Schlauch
und sich die Beine in den Bauch.

Zwar waren wenige Minuten
an Wartezeit noch zuzumuten,
doch stellte sich recht bald heraus:
Es ging darüber weit hinaus,

weshalb er immer mit den Letzten
bei seinem werten Vorgesetzten
am Morgen im Büro sich zeigte
und somit mancherlei vergeigte.

Dem Chef lag viel an Pünktlichkeit,
drum ging’s ihm irgendwann zu weit,
dass Dirk zu spät zur Arbeit kam,
oft hieß es: „Sie sind viel zu lahm!“

Dirk nahm das als Beleidigung
und sagte zur Verteidigung:
„Die Bahn ist wieder einmal Schuld,
ich bitte Sie um mehr Geduld!“

Doch weil sein Chef es besser wusste,
kam schließlich das, was kommen musste:
Der Arbeitgeber – angesäuert –
bemerkte knapp: „Sie sind gefeuert!“

Dirks Ärger war entsprechend groß,
jetzt saß er nämlich arbeitslos
und ohne jeden Zukunftsplan
am Straßenrand – dank Deutscher Bahn.

Er wollt sich nicht geschlagen geben,
doch ihm verging die Lust am Leben,
und so beschloss er eines Tages:
„Was hab ich zu verliern? Ich wag es!

Mit Würde will ich hier versprechen,
oh Deutsche Bahn, ich werd mich rächen
für die Verspätung jeder Reise:
Ich schmeiß mich morgen auf die Gleise!“

Gesagt, getan. Es war genug.
Er suchte sich den nächsten Zug.
Vollendet wurde die Idee
vor einem Kölner ICE.

Aufgrund des kleinen Zwischenfalls
(das Rollen über einen Hals)
gab’s Hürden im Betriebsablauf,
die fielen durch Verspätung auf.

Und so begann der Spaß von vorn –
bei andern Chefs, mit gleichem Zorn;
Verspätung wollte keinem passen
und mancher wurd wie Dirk entlassen.

Die meisten Arbeitnehmer sahn
als Sündenbock die Deutsche Bahn
und wollten Rachepläne schmieden
in Form von Schienen-Suiziden.

Der Tod auf Schienen wiederum
schmiss jeden guten Zeitplan um,
den Arbeitgebern wurd’s zu viel…
Na ja, ihr kennt das alte Spiel.

Anmerkung:
Wirfst du dich irgendwann aufs Gleis,
bedenk zuvor den Teufelskreis.

Michael Feindler 2008