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Metaphorisches Duell. Der Tragödie zweiter Teil

Erfahrungsgemäß trifft man in Situationen, die man nicht gebrauchen kann, häufig auch die Menschen, die man noch weniger gebrauchen kann. Wie ein schicksalhafter Schweißfilm ziehen unangenehme Situationen grundsätzlich die nervigste Schmeißfliegen an. Diese Theorie bestätigte sich kürzlich, als mir eine Kletterpartie in den Schweizer Alpen zum Verhängnis wurde.
Im sonnenüberfluteten Übermut war ich auf einen grasbewachsenen Felsvorsprung hinabgeklettert. Von dort aus hatte man eine sagenhafte Aussicht auf die umliegende Landschaft. Ich genoss es einige Minuten lang, bis ich feststellte, dass sich der Rückweg weitaus komplizierte gestalten würde. Als ich mich nämlich an der steinigen Wand hoch zerren wollte, entpuppte sich diese als äußerst benutzerunfreundlich. Ein Stück brach ab und wenig später saß ich wieder auf dem knapp bemessenen Felsvorsprung.
Zwei Quadratmeter Bewegungsfreiheit sind nicht viel. Erst recht nicht, wenn sich hinter dir eine Steinwand und vor dir ein 2000 Meter tiefes Tal befindet. Gezwungenermaßen rief ich um Hilfe, in der Hoffnung, irgendwann werde mich schon ein Wanderer hören. Zu meiner Überraschung tauchte schon kurz darauf ein Gesicht über mir auf.
„Heil dir, niedergestochener Cäsar!“ drang es zu mir hinunter. „Was für eine unangenehme Lage.“
Ich zuckte zusammen. Dort oben stand niemand Anderes als mein Lieblingsfeind, der Dichter Holger Meisenbach. Instinktiv rief ich zurück: „Wünsche dir einen mottenzerfressenen guten Tag, du jodelnde Heino-Attrappe! Deine Visage hat die beruhigende Wirkung eines fegenden Tsunamis, einer mutierten Tarantel oder einer Kriegserklärung der USA. Allein deine Anwesenheit ist wie ein Salatblatt an der Metzgertheke, ein Freibadbereich im Klärwerk, ein Gurken-Logo auf einem Apple-Computer oder eine Kondomwerbung im Vatikan! Du bist wie ein alkoholfreier Whiskey, ein geflicktes Küchensieb, eine Eintagsfliege mit Monatskarte oder ein naturalistisches Picasso-Gemälde!“
Mir war bewusst, dass diese Worte hier völlig fehl am Platz waren, vor allem in Anbetracht meiner Situation. Aber bei Holgers herablassendem Blick hatte es mich einfach überkommen. Nun beugte er sich etwas weiter vor und setzte sein fieses Josephsgrinsen auf, bei dem ich nie ganz wusste, ob es mich eher an Joseph Ackermann oder Joseph Ratzinger erinnerte.
Meinen Angriff ließ er natürlich nicht unerwidert: „Du abgestumpftes Henkerbeil! Ich bin das Loch im Aquarium deiner Hoffnungen; eine Dynamitstange in der Kloschüssel; deine hässliche Affäre in den Flitterwochen und die Schafsherde im Eisenbahntunnel. Ich bin so verlässlich wie ein vegetarischer Löwe; ein Medikament aus dem Internet; ein Kaffeerunde, die ein Geheimnis für sich behalten soll oder ein Fallschirm auf dem Rücken von Jürgen Möllemann!“
Auch wenn ich auf einem zwei Quadratmeter großen Felsvorsprung saß – gegenüber Holger Meisenbach würde ich unter keinen Umständen klein beigeben. Diese Provokationen schrieen nach einer Antwort. Somit rief ich nach oben: „Du braun gefleckte Milka-Kuh! Du bist wie eine 24-Stunden-Ausgabe des Musikantenstadels, ein chinesischer Gabelbenutzer, ein Rahmspinat ohne „Blubb“ oder eine Dampfwalze im Porzellanladen. Du Werwolf im Schafspelz, du Kettenbrief-Container, du achteckiges Pentagon, du apokalyptischer Kunstreiter! Ich werde für dich wie die Mücke in der finnischen Sauna sein; wie die glühende Zigarette im Benzinkanister; der motorgetriebene Rollstuhl ohne Bremsen; das Vorwort zu deinem Obduktionsbericht und so gradlinig wie der Satzbau von Edmund Stoiber!“
Holgers Josephsgrinsen wurde noch breiter. Anstatt den Wortkampf mit fairen Mitteln fortzusetzen hob er nur kurz die Hand und sagte: „Tschüs! Genieß die Zeit an der frischen Luft. In drei Stunde sag ich vielleicht mal der Bergwacht Bescheid.“
Dann war er weg und ließ mich auf dem Felsvorsprung zurück. Die Zeit bis zum Erscheinen der Bergwacht verbrachte ich zunächst damit, eine blaue Enzianblüte anzustarren, bis ich irgendwann nach einem kleinen Stein griff und damit begann, ein Gedicht in den Felsen zu ritzen. Ich widmete es Holger Meisenbach und seinem Verhalten. Es trug den Titel:

Taktlos

Er war ein muskulöser Mann,
Student im Fach Maschinenbau,
und machte ganz verliebt sich ran
an eine Germanistikfrau.

Er wusste nicht, was er da wagte,
doch schien es anfangs zu gelingen,
bis er sie eines Tages fragte:
„Soll ich dich jetzt noch nach Hause bringen?“

Er hätte lieber mal geschwiegen.
Die Germanistin wurde bleich.
Er sprach, um’s noch zurecht zu biegen:
„Muss ja auch nicht sofort sein. Wie wär’s…ähm…gleich?“

Das war zu viel. Sie wich zurück
Und schimpfte wütend auf ihn ein:
„Du Kleingeist! Geh mir aus dem Blick!
Wie kann man nur so taktlos sein?!

Ein linguistisches Verbrechen!
Das tut ja in der Seele weh!
Kannst du denn nicht mit Versmaß sprechen?!
Er meinte etwas hilflos: „Nö.“

Da sprach sie – im Gesichte Röte:
„Der Rhythmus ist durch dich gestört!
Was bin ich froh, dass unser Goethe
schon tot ist und dich nicht mehr hört!“

Sie schrie (in Wut bald nassgeschwitzt):
„Den Abend würd’ ich gern genießen!
Wie soll das gehen? Denn du trittst
den Versfuß mit den eig’nen Füßen!

Vergiss auch die Familienplanung!
Was soll ich bloß mit einem Mann,
der vom Trochäus keine Ahnung
und keine Jamben bilden kann?!“

Dann ging sie schnellen Schrittes fort,
er spürte seinen flauen Magen,
ergriff ein letztes Mal das Wort:
„Warte! Ich muss dir was Wichtiges sagen!“

Er hätte sie noch gern geküsst.
Doch als er merkte, dass der Satz
„Ich liebe dich“ ein Jambus ist,
war’s längst zu spät und für die Katz.

Moral: Man kriegt es oft zu spüren,
seit Langem gilt das alte Spiel:
Willst schöne Frauen du verführen,
so brauchst du sehr viel Taktgefühl!

Michael Feindler 2008

Published inAllein unter MenschenGedichteKabarettprogramme

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