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Warum ich an Europa glaube

English translation below

Liebe Menschen in Europa,

ich bin in den vergangenen Tagen immer wieder gefragt worden: „Michael, warum glaubst Du eigentlich noch an Europa?“ Die Frage ist berechtigt. Es wird einem dieser Tage nicht leicht gemacht, an die europäische Idee zu glauben. Der Kontinent scheint zu zerfallen. In Norden und Süden, in reichere und ärmere Staaten. In solche, die die politischen Leitlinien formulieren und solche, die diese Vorgaben nur ergeben abnicken können. Und was soll das überhaupt sein, dieses Europa, an das ich glaube? Reisefreiheit und einheitliche Währung formen noch lange keine Gemeinschaft! Ein Zusammengehörigkeitsgefühl braucht bekanntlich viel mehr, vor allem gegenseitiges Vertrauen. Und damit das entstehen kann, braucht es Zeit. Viel Zeit. Wollen wir das ignorieren, ebenso wie die offensichtlichen Mentalitätsunterschiede zwischen den europäischen Völkern?

Ich will gar nicht leugnen, dass Europa zur Zeit in einer großen Krise steckt — einer Krise, die politische, wirtschaftliche und erst recht soziale Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hat. Ich habe auch nicht vor, diese Probleme klein zu reden. Aber ich weigere mich, aus der Krise zu schlussfolgern, ein geeintes, weltoffenes Europa sei grundsätzlich nicht möglich.
Natürlich ist das möglich. Wir müssen uns doch nur einmal vor Augen führen, wie zerstört dieser Kontinent noch Mitte des 20. Jahrhunderts war. Die Spuren von zwei Weltkriegen verschwinden nicht über Nacht. Trotzdem ist es gelungen, aus diesem Trümmerfeld heraus eine europäische Gemeinschaft zu gründen, deren Länder in eine jahrzehntelange Friedensperiode eingetreten sind. Inzwischen dauert diese Friedenszeit länger als jede andere in Europa in den Jahrhunderten zuvor. Das macht doch Hoffnung.

Es liegt mir fern, diesen Zustand zu verklären. Ich weiß, dass Europa auch in den vergangenen Jahren eine sehr unrühmliche Rolle in militärischen Konflikten gespielt hat. Keine Frage. Außerdem wirkt Europa — vorsichtig ausgedrückt — oft ziemlich überfordert mit seiner Vorreiterrolle als grenzfreier und weltoffener Kontinent. Aber soll das jetzt etwa ein Grund dafür sein, diese Vision aufzugeben? Können wir, nur weil wir ein Ziel noch nicht erreicht haben, behaupten, dass wir es nie erreichen werden? Wie armselig und feige ist das denn? Haben wir die Ansprüche an uns selbst inzwischen so weit abgesenkt, dass wir uns als Gesellschaft nicht mehr weiterentwickeln wollen? Dass wir lieber unseren Status quo bis aufs Blut verteidigen als große politische Ziele für ein besseres menschliches Zusammenleben zu verfolgen?

Mit dieser fortschrittsfeindlichen Einstellung hätte die Menschheit vermutlich nicht einmal das Feuer gezähmt. Grillpartys könnten dann ausschließlich spontan stattfinden — und zwar nur bei Unwetter, wenn sich alle mit ihrem Grillgut um den Baum versammeln, in den ein Blitz eingeschlagen ist. Dass das nicht so ist, liegt daran, dass Menschen in der Vergangenheit immer ein paar Schritte weitergedacht haben.

Deshalb frage ich mich: Was hält uns davon ab, in der Politik ebenfalls mehrere Schritte weiterzudenken? Wieder Visionen zu entwickeln? Die Menschen anstelle der Märkte in den Mittelpunkt zu rücken? Und worauf wollen wir bitte hinaus, wenn wir sagen: Europa scheitert? Wollen wir das einfach so hinnehmen? Meinen wir wirklich, dieses Scheitern sei ein unabwendbares, alternativloses Schicksal?

Wer das behauptet, hat keine Fantasie. Dabei ist Fantasie der wichtigste Rohstoff einer Demokratie. Wir brauchen sie, um Visionen zu formulieren, Ideen für eine ferne Zukunft zu entwickeln. Ja, ich weiß: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. Um sich dort bescheinigen zu lassen, wie realitätsfern er denkt.
Ist uns eigentlich bewusst, wie demokratiefeindlich solche verächtlichen Äußerungen sind? Denn Visionen als realitätsfern abzustempeln, bedeutet, dass wir wenig bis gar keinen Einfluss auf die Realität haben. Dabei sollte genau das das Ziel einer Demokratie sein: Realität gemeinsam zu gestalten — sie stetig zu verbessern und vor allem menschenwürdiger zu machen!
Es geht mir doch überhaupt nicht darum, ob die Vision eines geeinten Europas von heute auf morgen umsetzbar wäre. Natürlich ist das nicht realistisch. Aber es sollte unbestritten sein, dass der Wunsch nach stärkerem Vertrauen zwischen den europäischen Völkern jeder politischen Entscheidung zugrunde liegen muss. Jede politische Rede, die Fremdenhass schürt, jeder Beschluss, der die Unterschiede zwischen den Nationen betont, jeder Gesetzesentwurf, der mehr den Interessen von Lobbyisten als denen der übrigen Bevölkerung entspricht, verstößt gegen diese übergeordnete Vision.

Ich glaube nach wie vor an die Vision eines geeinten und weltoffenen Europas. Nicht etwa, weil ich glaube, wir seien momentan auf einem guten Weg dahin. Nein. Ich befürchte sogar, dass wir gerade dabei sind, einiges an vorhandenem Vertrauen zu zerstören. Aber ich glaube fest daran, dass Menschen in der Lage sind, Grenzen zu überwinden — sowohl in Gedanken als auch in der Realität. Und ich sage das nicht aus einer bloßen Hoffnung heraus, sondern weil ich es selbst schon erlebt habe. Menschen kommen erfahrungsgemäß bestens miteinander aus, wenn nur ausreichend Wille und Geduld vorhanden sind. Beides sollten wir aufbringen, sowohl im Politischen als auch im Privaten. Unserem Handeln sollten wir stets eine optimistische und konstruktive Einstellung zugrunde legen, getreu dem Motto: Wenn es ein Problem gibt, suchen wir so lange nach einer Lösung, bis wir eine gefunden haben. Und wenn wir keine Lösung finden, liegt es weniger daran, dass es keine gibt, sondern daran, dass wir nicht sorgfältig genug danach gesucht hat.

Das klingt anstrengend. Aber nichts ist motivierender als eine große politische Vision, die Frieden und Menschlichkeit verspricht und die auch nur eine Vorstufe zu einer noch größeren Vision, nämlich dem Weltfrieden, ist.

Und deshalb glaube ich an Europa.

Michael Feindler 2015


English version

Why I believe in Europe

(with special thanks to Armin Eichhorn, Matthias Görgens and Pia Rennert for translating)

To the people of Europe,

I have been asked many times: “Michael, why do you still believe in Europe?” That is a fair questions. These days it is not easy to believe in the European idea. The continent seems to fall apart. In North and South, in rich countries and poor countries. In those, who determine policies and those who just rubberstamp. And what is that “Europe” anyway? Freedom of movement and a common currency do not constitute a community! A shared identity of course requires more, and above all: mutual trust. To develop that trust requires time. A lot of time. Do we want to ignore that, as well as the obvious differences in mentality between the European peoples?

I do not deny that Europe is in a big crisis at this very moment – a crisis with political, economic and especially social consequences on our society. I do not want to ale light of these problems. But I refuse to conclude that the European idea is impossible.
Of course it is possible. If we only look back at how torn apart this continent was during the middle of the 20th century. The remnants of two world wars do not disappear overnight. Nevertheless we have managed from that scene of devastation to found a European community that enjoyed long decades of peace. In fact, enjoyed the longest general peace in Europe for centuries. That should give us hope.

But, let us not romanticize this general peace. I know that in recent years Europe has played an inglorious role in military conflicts. No doubt. Besides, Europe often seems – gently stated – overwhelmed in its role as the very model of a borderless and cosmopolitan continent. But should that be a reason for giving up on this vision? Shall we, only because we have not achieved a goal yet, claim that we will never reach it? How pathetic and cowardly! Have we lowered the standards for ourselves so far that we, as a society, do not want to advance? That we prefer defending our status quo rather than pursuing grand political goals for a better human community?
If humankind had always had this enmity to progress, I believe we would not even have harnessed fire. Barbecues could only take place spontaneously, during thunder storms, with everybody gathering below a tree in which a bolt of lightning has struck. The reason why this is not the case is because in the past some people have always thought a few steps ahead.

That is why I have to ask myself: What keeps us from thinking a few steps ahead in politics, too? To develop visions again? To focus on people, rather than markets? And what do we want to achieve when we say: Europe is failing? Do we want to just accept that? Do we really believe this failing is an inevitable fate with no alternative?

Those who claim that, have no imagination. And imagination is the most important ingredient of democracy. We need imagination to formulate our visions, ideas for a far-away future. Yes, I know: if you’re having visions, go see a doctor. They will promptly attest a lack of realism.
Do we actually realize how anti-democratic such despicable statements are? To characterize visions as lacking realism means that we lose our influence on reality. But that should be the very goal of any democracy: Shaping reality together – steadily improving it and, first and foremost, making it more humane.
For me it is not about implementing, the vision of a unified Europe overnight. Of course that is not realistic. But it should be undisputed that the wish for stronger trust between the European peoples must be the founding principle for all political decisions. Each political speech that fuels xenophobia, each decision that emphasizes the differences between the nations, each draft bill that caters to lobbyists more than it does to the people, is offending this superior vision.

I still believe in the vision of a unified and cosmopolitan Europe. Not because I believe that we are making good progress towards that vision. No. I even fear, that we are currently destroying a lot of the existing trust. Still I do believe strongly that people are able to overcome constraints – in their thoughts as well as in action. And I say that not just based on mere hope, but because I have experienced it myself. Experience teaches us that people get along with each other when they have enough will and patience. We should muster both, in the political realm as well as in our private lifes. Our actions should always be based on an optimistic and constructive attitude, true to the motto: if there is a probem we will search for a solution until we have found it. And if we do not find a solution that is not because there is none, but because we have not searched for it thoroughly enough.

It might sound exhausting. Yet nothing is more motivating than a grand political vision that promises peace and humaneness and that itself is only a prelude to an even grander vision: world peace.

And that is why I believe in Europe.

Published indenkfunk.deEuropaPolitikReden

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