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Tanzen, wenn die Welt untergeht

Liedtext

Sie traf ihn bei der Pausen-Zigarette.
Im Staatstheater lief ein neues Stück.
Sie kam nach draußen, fragte ihn nach Feuer.
Das war kein Schicksal, sondern höchstens Glück.

Sie setzten sich gemeinsam auf die Stufen
und saßen so, dass man die Zeit vergisst.
Dann haben sie die ganze Nacht geredet
und im Morgengrauen hat sie ihn geküsst.

Sie mochte das Vertraute seiner Stimme,
die Klugheit, die aus seinen Worten sprach.
Sein Blick war klar und dennoch melancholisch
und seine Schulter gab auch gar nicht nach

als sie schließlich ihren Kopf an diese lehnte,
als hätte sie das immer schon gemacht.
Und er sagte in die letzten dunklen Strahlen
der vom Morgenrot verdrängten Nacht:

„Ich wünsch mir, dass Du da bist, wenn die Welt untergeht,
wenn frei von Zivilisation der Planet sich weiterdreht.
Diese Menschheit ist schon lange ihrem Untergang geweiht,
aber Hoffnung gibt mir alles, was zwischen uns gedeiht.
Und sollte ein Atomkrieg nur die anderen vernichten,
bleiben wir am Schluss die Letzten uns’rer Art.
Ich kann auf diese Welt, aber kaum auf Dich verzichten:
Und während alles endet, drücken wir erneut auf Start.“

Sie seufzte. Dieser Mann war so romantisch
und sprachlich-intellektuell versiert,
ein Pessimist mit wärmenden Gedanken.
Sie war zugleich verwirrt und tief berührt.

Dann sprach er von den großen Katastrophen,
die scheinbar nicht mehr aufzuhalten war’n:
vom Klimawandel und den Wirtschaftskrisen,
die, wie er sagte, in den nächsten Jahr’n

immer schlimmer würden bis die Welt am Abgrund
den letzten Halt samt Gleichgewicht verlör.
Das ließe sich politisch heut schon sehen,
nur leider wär er nicht der Regisseur,

von dem Stück, in dem er sie getroffen hätte,
doch sie wär Grund zu spielen bis zuletzt.
Dann schwieg er und sie fragte: „Magst Du tanzen?“
Er schüttelte den Kopf und sprach: „Nicht jetzt.

Doch ich werde mit Dir tanzen, wenn die Welt untergeht,
wenn kein Stein mehr auf dem andern, keine Macht mehr sicher steht,
zur Musik, die unsre Seelen wie ein letztes Herbstblatt streift,
und die nur entsteht, wenn Wind durch die Weltruinen pfeift.
Und im Mondlicht wird Dein Haar zwischen mattem Aschgrau schimmern,
während ich mit Dir halb schwebe und halb lauf.
Und irgendwann erkennen wir am Horizont aus Trümmern:
Geht die Welt auch unter, die Sonne geht noch auf.“

Sie wusste darauf erst mal keine Antwort.
Die Worte klangen alle wunderschön.
Sie ließ das aber trotzdem nicht so stehen
und sprach: „Ich will den Tanz nicht überhöh’n,

doch ich mag es, mich im Rhythmus leicht zu wiegen,
grad jetzt – mit Dir und dem Moment vereint.
Wie wär es, wenn wir’s einfach nur genießen,
erst recht, wenn alles hoffnungslos erscheint?“

Er lächelte und sagte: „Du musst wissen,
ich war noch nie ein Revolutionär.
Ich schau nur die Ästhetik des Zerfalls an
und kann nicht sagen, was die Lösung wär,

um den Untergang der Welt noch aufzuhalten.
Ich betrachte nur und tanze nicht dazu.“
Da nahm sie ihren Kopf von seiner Schulter.
Sie hielt kurz inne und sie sagte: „Du, …

Wer will bitteschön noch tanzen, wenn die Welt untergeht,
wenn der Wind durch das Zerstörte, das uns früher lieb war, weht?
Meine Frage „Magst Du tanzen?“ war für jetzt ein Angebot,
doch Du redest von der Zukunft und die Gegenwart nur tot.
Wenn Du meinst, Du kannst Romantik mit dem Ende gut verbinden,
hältst Du sicher jeden Abschied lächelnd aus.
Mein Tatendrang ist wach und möchte eine Handlung finden.
Lebe wohl, ich sollte gehen. Ich tanze jetzt nach Haus.“

Michael Feindler 2016

Published inArtgerechte SpaltungKabarettprogrammeLieder

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