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Technisches Unbehagen

Technik – speziell das Internet – schlägt Brücken. Zwischen Ländern. Zwischen Menschengruppen. Zwischen Personen, die gemeinsam etwas bewegen wollen. Das ist doch was. Wenn da nur nicht dieses Unbehagen wäre. Das Unbehagen, dass die Technik die Menschen mehr voneinander entfremdet als sie miteinander zu verbinden. Dass sie menschliche Nähe verhindert. Alles anonymer macht.
Ein Beispiel: Wenn ich heute als Geheimdienstmitarbeiter jemanden ausspionieren und abhören möchte, gibt es genügend Methoden, das zu tun, ohne dass ich persönlich in die Wohnung der betreffenden Person einsteigen muss. Vermutlich reichen schon ein paar Klicks und ich sehe das Wohnzimmer durch die Webcam. Oder das Schlafzimmer. Aber das ist doch nicht das Gleiche wie früher. Als man Wohnungen heimlich aufgebrochen hat, um Abhörkabel zu verlegen und Telefone zu verwanzen. Als man noch selber durch die fremden Zimmer schritt, den Duft eines geschmacklosen Parfums einatmete und beim Knarren der Dielen unter den eigenen Füßen kurz aufschreckte. Das hatte Spannung. Das war authentisch. Irgendwie persönlicher.
Ganz ähnlich ist das mit Kriegen. Man kennt noch die Geschichten von früher. Als man sich auf den Schlachtfeldern Auge in Auge gegenüberstand. Den Atem des Feindes hören und die eigene Furcht schmecken konnte. Auch das hatte immer etwas Persönliches, ja sogar Intimes. Wenn man wusste, dass das eigene Gesicht das letzte Gesicht sein konnte, das jemand sah, bevor man ihn erschoss. Dass sich dieser Mensch in dem Moment wahrscheinlich nach seinen Liebsten sehnte und dass der Blick in ein völlig fremdes Gesicht den Tod nicht ansatzweise mildern konnte – trotzdem teilten da zwei Menschen einen Moment miteinander.
Es gibt auch nicht mehr diese Extraportion Nervenkitzel, wie es sie früher gab, weil man nicht sicher sagen konnte, wer am Ende des Tages überleben würde. Heute weiß man, wer gewinnt: Der Drohnenpilot. Und der hört in seiner Position nicht einmal mehr die Schreie der Menschen, die er tötet. Er sieht nur die Pixel. Anonymer geht es kaum.
Aber es wäre falsch zu behaupten, die Technik würde alles anonymer machen. Sie ist nicht Schuld. Höchstens der aktuelle Stand der Technik – der ist Schuld. Denn auf der ganzen Welt arbeiten Menschen an besseren Sensoren, Kameras, Mikrofonen und Lautsprechern. Und vielleicht wird man eines Tages, wenn man eine Wohnung überwacht, ab und zu die Bodendielen knarren hören, als hätte man sie gerade selbst betreten. Und vielleicht wird der Moment kommen, in dem ein Drohnenpilot direkt in schreckensgeweiteten Augen in 3D und HD-Qualität blickt, während er den Abschussknopf betätigt. Und womöglich wird er dabei ein Gefühl von Verbundenheit und Nähe spüren, das nicht technisch, sondern rein menschlich ist.

Michael Feindler 2014

Published inDas Lachen der OhnmächtigenKabarettprogrammePolitik

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