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An die Menschen Europas

English translation below

Liebe Menschen in Europa,

ich bin im Jahr 1989 in Deutschland geboren – in jenem Jahr, als die Berliner Mauer fiel. Der Gedanke an eine innerdeutsche Grenze mit Schießbefehlen erschien mir schon immer irreal. Ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, wie man auch nur auf die Idee kommen kann, eine Mauer durchs Land zu ziehen und Menschen ihrer Reisefreiheit zu berauben. Und es ist gut, dass ich, wie so viele andere aus meiner Generation, mir das kaum vorstellen kann. Denn eine Grenze, die ich für unvorstellbar halte, werde ich nie ziehen.
So geht es mir auch mit Europa. Ich bin in dem festen Vertrauen auf ein geeintes Europa aufgewachsen. Ich konnte in meiner Jugend quer durch die EU reisen, ohne auch nur ein Visum zu beantragen. Das war toll. Und in den meisten Ländern musste ich nicht einmal mehr Geld umtauschen.

Unabhängig davon, dass es bei der Gründung der Währungsunion sicher einige Fehler gab – der Euro hat eindeutig dazu beigetragen, dass sich die innereuropäischen Grenzen für mich noch unwichtiger anfühlten. Ich habe deshalb jahrelang geglaubt, dass der Frieden in Europa durch die Menschen meiner Generation immer stärker würde. Ich war wirklich überzeugt, dass eine Generation, die manche Mauern zwischen den Nationen nie kennen gelernt hat, auch keine neuen Mauern errichten würde. Ich war optimistisch, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus — langfristig betrachtet — auf dem Rückzug wären. Zumindest in Europa.
Heute bezweifle ich das. Ich habe Angst davor, dass auch meine Generation wieder anfängt, neue Grenzen in Europa zu ziehen. Und das, obwohl sie theoretisch unter besseren politischen Bedingungen aufgewachsen ist als die Generation zuvor. Unser Weltbild ist nicht von zwei großen politischen Blöcken geprägt, die sich feindselig gegenüberstehen. Wir sind keine Kinder des Kalten Krieges. Wir denken immer häufiger europäisch, weniger national. Es ist für uns selbstverständlich geworden, uns innerhalb der EU frei zu bewegen. Und wir werden skeptisch, wenn sich dieses so friedens- und freiheitsliebende Europa gewalttätig nach außen abschottet.

Wir habe jedoch ein Problem: Uns fehlt Macht. Unser Denken, das auf Dauer die letzten Grenzen überwinden könnte, gibt nicht den Ton an. Denn in Europas Parlamenten und Verlagshäusern sitzt nach wie vor eine einflussreiche Riege an Leuten, die alles tut, um ihre Macht zu erhalten. Für sie gibt es Allianzen, aber keine Solidarität. Und diese Leute werden das nationalistische Gift weiterhin unters Volk mischen, wenn es ihnen nutzt. Sie werden auch in Zukunft ihre ekelhaften Äußerungen über „die Deutschen“, „die Rumänen“ oder auch „die Griechen“ von sich geben. Sie werden weiterhin die Grenzen zwischen den Nationen betonen und gleichzeitig die Fronten zwischen wachsender Armut und ansteigendem Reichtum verschweigen. Eigentlich sind diese Leute aus der Zeit gefallen, weil sie für ein Weltbild und ein Europa stehen, das ausgrenzt, statt zu integrieren. Aber tragischerweise kleben sie an den Sesseln der Macht und bestimmen den politischen Kurs.
Mir macht das Angst. Ich befürchte, dass diese Menschen es schaffen könnten, auch in den Köpfen meiner Generation Grenzen hochzuziehen. Grenzen, die wir bisher nicht kannten. Grenzen, von denen ich lange glaubte, sie würden seit dem Jahr meiner Geburt konsequent abgebaut.

Liebe Menschen Europas, wir tragen eine riesige Verantwortung für diesen Kontinent. Wir dürfen ihn nicht denjenigen überlassen, die ihn spalten. Diese Leute haben sich einem Weltbild verschrieben, das keine Zukunft hat. Wir müssen resistent bleiben gegenüber ihren bösartigen, klischeebeladenen und kleingeistigen Reden. Und liebe europäische Jugend – bewahrt Euch den Glauben an ein weltoffenes, solidarisches und grenzfreies Europa. An ein Europa, das in erster Linie der Demokratie und nicht den Märkten dient. Denn im Moment mag die Macht zwar noch in den Händen einer Elite liegen, die in alten, verkommenen Grenzen denkt. Aber eines Tages werden diese Leute nicht mehr an der Macht sein. Die Geschichtsschreibung wird sie auf Dauer als Verräter an der europäischen Idee brandmarken. Zumindest dann, wenn wir stark bleiben, und weiterhin für die Utopie eines geeinten und friedlichen Europas kämpfen.

Ich bin 1989 in Deutschland geboren – in jenem Jahr, als die Berliner Mauer fiel. Ich glaube an Europa. Und ich glaube fest daran, dass meine Generation und ihre Kinder in der Lage sein werden, die Grenzen auf diesem Kontinent mehr und mehr zu überwinden.
Und all denen, die nicht so denken und die stattdessen spaltende, nationalistische Parolen schwingen, sei gesagt: Macht ruhig weiter so, wir bleiben davon unbeeindruckt. Ihr gebt ein armseliges und abschreckendes Bild ab, das unsere friedlichen Überzeugungen nur noch weiter stärkt. Zwar mögen unsere Ziele manchmal naiv und wenig konkret erscheinen – aber durch Euer Verhalten auf dem politischen und medialen Parkett gebt Ihr uns immer wieder neuen Auftrieb. Denn wir werden alles daran setzen, niemals zu werden wie Ihr. Eure Vorstellungen von Europa sind ein Verrat an der europäischen Idee und sie sind es nicht wert, Euch auch nur einen Tag zu überleben.

Michael Feindler 2015


English version

To the People of Europe

(with special thanks to Alexandra Baum, Armin Eichhorn, Anna Lu, Ramona Raabe and Samuel Thiel for translating)

Dear people of Europe,

I was born in 1989 in Germany – the very same year the Berlin Wall went down. The ideas of inner-german borders and a death zone have always appeared surreal to me. It is very difficult even to imagine the concept of constructing a wall which would divide a country and take away the people’s right to travel freely. And it is good that I, as so many others of my generation, can barely imagine this. Because I will never draw a border which I won’t imagine first.
It goes the same with Europe. I grew up with strong confidence in a united Europe. In my youth I was able to travel throughout Europe without applying for a single visa. That was amazing. In most countries I didn’t even have to exchange currency.

Despite a few mistakes which were certainly made in the process of realizing monetary union — the Euro clearly contributed to my impression that inner-european borders had become less important. For this reason I believed for years that peace in Europe would be continually strengthened by people of my generation. I was truly convinced that a generation, which had never encountered some of the walls that formerly existed between nations, would never construct new walls. I was optimistic that hostility towards strangers and racism in any form would finally be in regression. At least in Europe.

I doubt this today. Even though we grew up in better political circumstances than the former generation, I fear that my generation too, will begin to create new borders in Europe. Our understanding of the world was not defined by the hostility of two great political powers. We are not children of the cold war. We tend to think increasingly as europeans, and less as citizens of a particular country. It has become natural matter to move freely within the European Union. However, we become skeptical when this liberty and peace loving Europe begins to forcefully seal itself off.

Our problem is lack of power. Our beliefs may transcend borders in the long run — but in the present, they have no major impact. The reason why is found in Europe’s ruling bodies and publishing houses where a highly influential circle of people do anything to maintain power. They understand the concept of alliances but not of solidarity. If it is to their advantage, they will continually spread nationalist poison among the people. They will continue to declare their populist views about „the Germans“, „the Romanians“ or „the Greeks“, and they will emphasize the differences between nations. Yet, they remain silent about increasing inequality. These people are representative of a dated world view that chooses segregation over integration. And tragically, it is they who decide the political agenda.
This frightens me. I am concerned that they are able to install borders in the minds of my generation, borders we have never experienced, borders which I believed to have been dismantled since the year of my birth.

Dear citizens of Europe, we all have an enormous responsibility for our continent. We must not give it over to those who would divide it. These people have devoted themselves to an ideology that has no future. We must refute their malicious, biased and small-minded discourse.
My dear young Europeans – keep believing in a liberal and unified Europe – a Europe that has no borders. Believe in a Europe that first serves democracy and not markets. At present it may seem that power lies in the hands of an elite that believes in historical and obsolete boundaries. But one day these people will no longer be in power. In the long run history will brand them as traitors to European ideology – and we must stay strong and fight for the Utopia of a united and peaceful Europe.

I was born in Germany in 1989 — the year the Berlin wall came down. I believe in Europe. And I strongly believe that my generation, and that of our children, will finally be able to erase the borders within this continent.
And to all those who do not believe this, to all who prefer shouting divisive, nationalistic slogans, I say: continue if you like — we remain unfazed. You are both pathetic and repellent and your words only fuel our peaceful convictions. While our goals might at times seem naive and inchoate, your behaviour on the political and medial stage continues to motivate us. We will do our utmost never to become like you. Your notion of Europe is a betrayal of the ideal of Europe itself. Your ideas are not noble enough to outlive you by even one day.

Published indenkfunk.deEuropaPolitikReden

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