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Die Konstruktivität des Neins

Man sagt uns nach, wir seien bloß dagegen
und unser <em>Nein</em> sei destruktiv und stur,
wir stünden ganz allein auf weiter Flur
und würden weder Welt noch uns bewegen.

Es heißt, wir würden damit nichts erreichen.
Bloß „nein“ zu sagen, sei kein Schritt nach vorn.
Wir seien blind – genau wie unser Zorn –
und sähen nicht die Zeit und ihre Zeichen.

Das ist ein Vorwurf, über den wir heute
erhaben sind, wobei wir nicht versteh’n,
wie Ihr noch glauben könnt, ein <em>Ja</em> bedeute,
es werde zwingend schneller vorwärts geh’n.

Ein <em>Ja</em> kann auch ein <em>Ja</em> zum Stillstand sein,
das lähmt und aus Bequemlichkeit verdrängt.
Im Gegensatz zu diesem wird im <em>Nein</em>
der Blick auf einen andern Blick gelenkt,

der neu ist und mit großer Angst verbunden
vor dem, was einem <em>Ja</em> noch nicht vertraut.
Den Fortschritt hat ein „Nein“ zwar nicht erfunden,
doch hat es ihn schon oft mit aufgebaut,

indem es alten <em>Ja</em>s den Platz verwehrte
und eine neue Perspektive bot,
grad weil es nie den Platz vom <em>Ja</em> begehrte —
auf diese Weise war es nie devot.

Ein starkes Nein will mehr als nur verweigern.
Es ist ein Anfang, der zum Ziele hat,
das <em>Nein</em> zu einem neuen <em>Ja</em> zu steigern,
vom unbeschriebenen zum vollen Blatt.

Ist unser neues <em>Ja</em> dann von Bestand?
Wir bilden uns mal lieber nichts drauf ein.
Denn eines Tages – das ist schon bekannt –
ertönt von irgendwo ein lautes Nein.

Michael Feindler 2015

Published indenkfunk.deEuropaGedichtePolitik

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