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Nicht die Grenze, sondern die mangelnde Qualität von Satire ist das Problem!

Dieser Text erschien zuerst auf den Nachdenkseiten.

Viel wurde in den vergangenen Wochen über Satire und ihre Grenzen geschrieben. Zuletzt auch von Mohssen Massarrat in einem Gastbeitrag auf den Nachdenkseiten. Vor allem Kurt Tucholsky musste seit Anfang Januar wiederholt für Zitate herhalten: Nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo schien sich jede noch so auflagenschwache Regionalzeitung genötigt zu fühlen, Tucholskys berühmten Text mit den einprägsamen Sätzen „Was darf die Satire? Alles!“* abzudrucken. Seitdem ist diese Aussage von unterschiedlichen Seiten kritisiert worden. Es hieß, man müsse neu über Grenzen von Satire nachdenken, auch in einer Demokratie. Nein, sagt Michael Feindler. Uns sollte jedoch bewusst sein, dass einiges, was da draußen als Satire herumgeistert, den Qualitätsmaßstäben eines Kurt Tucholsky nicht standhält.

Eines ist in der Diskussion um Satire bislang viel zu kurz gekommen: Es gibt eine Menge schlechte Satire! Satire, die nicht einmal die Oberfläche gesellschaftlicher Probleme berührt; Satire, die das lesende oder zuhörende Publikum in seiner Bequemlichkeit bestätigt, statt es aufzurütteln oder zum Weiterdenken zu animieren. Die Anschläge von Paris und Kopenhagen könnten durchaus zu mehr Selbstkritik innerhalb der Satire-, Karikaturen- und Kabarettszene führen – aber nicht, weil es Grenzen der Satire gibt, sondern weil die Grundeinstellung hinter und die Zielsetzung gut gemachter Satire zu oft auf der Strecke bleiben.

Tucholsky schrieb 1919 in seinem viel zitierten Text: „Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.“ Wie leicht passiert es jedoch, dass so genannte „Satiriker“ die Trägheit im Publikum sogar befördern, indem sie bestehende Klischees auswalzen, weiter ins Lächerliche ziehen, ohne die Leser beziehungsweise Zuhörer aus bereits bekannten Denkmustern herauszureißen? Welchen Missstand zeigt denn bitte ein Karikaturist auf, der den Propheten Mohammed mit Sprengstoff im Turban abbildet? Will er damit sagen, dass der Islam eine gewalttätige Religion ist? Wow! Für so eine Aussage genügt ein Blick in die Boulevard-Presse, dazu braucht es keinen Satiriker.
Um mich nicht falsch zu verstehen: Es liegt mir fern, solche Karikaturen verbieten lassen zu wollen. Schließlich ist ein Großteil der Inhalte unserer Unterhaltungsindustrie ähnlich plump. Doch gerade deshalb müssen wir endlich anerkennen, dass auch manche Satire handwerklich einfach schlecht ist. Wir dürfen ihr innerhalb des Unterhaltungssektors keine Sonderrolle einräumen, nur weil sie im Gewand des Kritischen daher kommt – wodurch sie im Übrigen auch dort Intellektualität vortäuschen kann, wo keine vorhanden ist.

Will man eine Satire auf ihre handwerkliche Qualität überprüfen, muss man nach den Beweggründen des Satirikers fragen: Will er wirklich ein gesellschaftliches Problem im Kern treffen? Ist es ihm ein dringendes Bedürfnis, bestimmte Inhalte zu thematisieren? Oder steht doch eher der Wunsch nach Aufmerksamkeit im Vordergrund – der sich sowohl mit Publikumsgefälligkeit als auch mit gezielter Provokation erfüllen lässt? Das idealisierte Bild des Satirikers, wie ihn Tucholsky beschreibt, trifft in der Realität vermutlich auf die wenigsten Vertreter ihrer Art zu. Denn demnach wäre so jemand „ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an“. Idealismus kommt unter Satirikern zwar durchaus vor, ebenso trifft man ab und an auf das ernst gemeinte Anliegen, einen unterhaltsamen Beitrag zur demokratischen Aufklärungsarbeit leisten zu wollen. Doch erfahrungsgemäß erliegt jeder Berufssatiriker irgendwann einmal der Versuchung, ein bereits vorhandenes Klischee oder Vorurteil zu bedienen. In den besten Kabarettprogrammen gab es schon Witze auf Kosten von Merkels Mundwinkeln, der Körperfülle von Siegmar Gabriel oder der Homosexualität eines Guido Westerwelle.

Solche platten Gags bringen sichere Lacher, aber jedem sollte bewusst sein, dass das nicht die hohe Kunst der Satire ist. Nimmt man nämlich den von Tucholsky betonten idealistischen Geist der Satire ernst, müssen sich Satiriker stets selbst als Teil der Welt verstehen, die sie kritisieren. Sie können per definitionem nicht teilnahmslos kommentieren und karikieren. Denn Idealismus speist sich aus einer persönlichen Betroffenheit, und sei es „nur“ aus der Empathie gegenüber gesellschaftlich unterdrückten Menschengruppen. Will ein Satiriker nun auf Missstände aufmerksam machen, greift er zum gängigen Mittel der Übertreibung. Mit Tucholskys Worten gesprochen: „Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.“ Da steckt alles drin. Nicht zuletzt der Hinweis, dass ein Idealist immer auch mit denen mitfühlt, die er kritisiert. Gute Satire lässt ihn nie unberührt.

Nun ist es natürlich nicht möglich, in jeder Satire die Beweggründe des jeweiligen Künstlers oder der jeweiligen Künstlerin nachzuweisen. Aber zu glauben, eine Karikatur oder eine Kabarettnummer verfolge idealistische, aufklärerische Ansätze, wenn sie inhaltlich kaum übers Stammtischniveau hinaus kommt, wäre doch ziemlich naiv. Im Übrigen ist auch nichts daran auszusetzen, wenn Religion zur Zielscheibe satirischer Kritik wird, im Gegenteil. Der Satiriker als Idealist schlägt sich grundsätzlich auf die Seite der Unterdrückten und muss daher jede Ideologie ins Visier nehmen, die eine irgendwie geartete machtpolitische Rolle spielt – vom Christentum bis zum Neoliberalismus. Um sich aber überzeugend auf die Seite der Unterdrückten schlagen zu können, muss man diese ansatzweise verstehen, ihrer Situation möglichst viel Empathie entgegenbringen. Das mag ein Grund dafür sein, weshalb die beste Satire über Islamismus tendenziell aus islamisch geprägten Ländern kommt.

Dagegen wirkt jede Satire, die weder persönliche Betroffenheit noch ehrlich empfundenes Mitgefühl erahnen lässt, nur herablassend und selbstgerecht. Schlimmstenfalls überträgt sich diese Selbstgerechtigkeit sogar auf das Publikum, das sich damit innerlich vom öffentlichen politischen Diskurs entfernt, sobald es meint, sich selbst von der satirisch geäußerten Kritik ausnehmen zu können. Somit wird der aufklärerische, mündigkeitsfördernde Ansatz der Satire in einer Demokratie pervertiert: das Publikum lacht über Politik und Gesellschaft, ohne seine Verflechtungen als „Souverän“ innerhalb des herrschenden Systems wahrhaben zu wollen. Gleichzeitig wird den Lesern beziehungsweise Zuhörern das Gefühl vermittelt, sie würden gerade besonders politisch und kritisch denken, selbst wenn ausschließlich Ressentiments und Klischees bedient werden, die allen längst bekannt sind. Eine so geartete Satire ist handwerklich nicht nur langweilig, sondern in ihrem Kern demokratiefeindlich.

Die Qualität von Satire bleibt deshalb auch fast hundert Jahre nach der Veröffentlichung von Kurt Tucholskys berühmtem Text von der inhaltlichen Betroffenheit des Satirikers selbst und seines Publikums abhängig. Fragen wir also künftig nicht mehr: Was darf die Satire? Fragen wir lieber häufiger: Ist das gute Satire?

Michael Feindler 2015


* Sämtliche im Text verwendeten Zitate von Kurt Tucholsky sind zitiert nach: Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1975. Band 2: 1919–1920. S. 42–44

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