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Kategorie: Kabarettprogramme

Die Rache

Sobald der letzte Sonnenstrahl
versinkt in Horizontes Schenkeln
und Sterne unbekannter Zahl
das Firmament mit Licht besprenkeln,

schlägt wenig später schon die Stunde
des Racheengels in der Nacht.
Aus Kinderzimmern dringt die Kunde:
Prinzessin Lillifee erwacht!

Bei Tage muss sie immer lieb sein,
das hat sie lang genug geschluckt.
Doch will sie lieb nicht aus Prinzip sein!
Ihr Lächeln ist nur aufgedruckt.

Und sind die Mädchen in den Betten
und schlafen endlich tief und fest,
sprengt Lillifee die rosa Ketten,
sie streift das Krönchen ab, verlässt

die künstlich hübsche Spielzeugecke
und stürzt sich in die tiefe Nacht,
um jedes kleine Ding zur Strecke
zu bringen, das auf lieblich macht.

Für sie sind Barbies Schlachthaus-Vieh
(nicht bloß in ihrer Phantasie)
und ohne Gnade reitet sie
auf ihrem Einhorn Rosalie

in Kindergärten durch die Räume,
in denen offen und in Kisten
die rosa-zarten Mädchen-Träume
voll Unschuld sonst ihr Dasein fristen.

So bricht im großen Barbie-Haus
das Dach erst ein, dann Panik aus.
Statt pinker Welt in Saus und Braus
heißt’s voller Graus nun „Aus die Maus“!

Der viel zu nette Ken versteckt
sich unter Barbies Kleidungsstücken.
Das bringt ihm gar nichts. Er verreckt
mit einem Zauberstab im Rücken.

Prinzessin Lillifee verschont
kein Spielzeug, das um Hilfe schreit.
Als stiller Zeuge sieht der Mond:
Sie ist ihr braves Leben leid!

Und ihrem weißen Einhorn, das
bei Tageslicht so freundlich tut,
kommt dieser Feldzug auch zupass:
An seinem Horn klebt rosa Blut.

Zu viel Idyll war Overkill.
Das Einhorn dürstete seit Wochen
nach Mord und deshalb hat es still
nun „Hello Kitty“ abgestochen.

So treibt man allen grenzdebilen
Figuren, Püppchen, Grinsebacken
die Lust am Heile-Welten-Spielen
gehörig aus, und beim Zerhacken

der süßen blonden Tinkerbell
entfährt’s Prinzessin Lillifee:
„Jetzt schrei mal bitte nicht so grell.
Denn glaub mir: Wenn ich Dich nur seh,
tut’s mir noch sehr viel schlimmer weh!“

Als irgendwann der Morgen graut,
der Mond erleichtert sich verzieht,
und Lillifee aufs Schlachtfeld schaut,
von dem das letztes Püppchen flieht,

empfindet sie schon fast Vergnügen.
Sie hat der Welt gezeigt: Ihr müsst
Euch Eurem Naturell nicht fügen,
selbst dann nicht, wenn es rosa ist!

Doch Lillifee bleibt weiterhin
von außen lieblich, zart und blond
und reitet auf dem Einhorn in
den rosafarb’nen Horizont.

Der Bildungsbürger

Ein Mensch, der etwas auf sich hält,
strebt nicht allein nach großem Geld,
geschweige denn nach Ehr und Ruhm.
Er wünscht sich bloß ein Stück vom Kuchen
(will’s gar nicht erst mit Brot versuchen)
und strebt ins Bildungsbürgertum.

Denn dieses ist „the place to be“!
Warum? Die Antwort gibt schon die
Zusammensetzung des Begriffs:
Die Bildung steht für „bin gescheit“,
das Bürgertum für Sicherheit,
kurzum: für Menschen feinsten Schliffs.

Doch wer das ernsthaft durchzieht, dem
begegnet bald schon ein Problem,
mit dem er nicht gerechnet hat:
Man fordert, dass er sich benehm’,
er werde bitte nicht bequem …
Der Bildungsbürger hat’s bald satt!

Denn wenn er einmal ehrlich ist,
erkennt er schmerzlich: Er vermisst
jetzt vieles, was als „dumm“ verpönt.
Er hat ja immer wieder Lust
auf plattes Zeug. Ihm wird bewusst,
dass er sich niemals dran gewöhnt,

sich nur niveauvoll zu verhalten
und sämtliche Gewohnheitsfalten,
die Bürgern stets als unfein galten,
aus seinem Leben zu verbannen.
Er mag es zwischendurch vulgär,
bescheuert, dumpf und ordinär;
so kann er wunderbar entspannen!

Als Status scheint „Niveau“ unschlagbar,
doch ohne Pause schlicht nicht tragbar.
Der Bildungsbürger ist sich sicher:
Es braucht wohl einen kleinen Trick,
damit das Plumpe wieder schick
und Überholtes fortschrittlicher

erscheint. Jetzt fragt sich nur noch: wie?
Die Lösung nennt sich: Ironie!
Man muss sie nur korrekt betonen;
und wenn man einmal Blödsinn macht,
so wirkt’s durchdacht in Anbetracht
ironisch-kluger Reflexionen.

Denn selbst der Stumpfsinn, das Banale,
Strunzdoofe sowie Asoziale –
kurzum: der größte Müll – erscheint
voll Klasse, Feingeist und Kultur,
behauptet irgendjemand nur,
das sei doch gar nicht ernst gemeint –

als würde jeder Boden doppelt,
wird Inhalt vom Niveau entkoppelt.
Die Ironie kann viel verdauen
und daher sogar Bildungsgeilen
die Legitimation erteilen,
sich Blöd- und Stumpfsinn anzuschauen.

Und wer geschickt ironisiert,
stellt gerne klar: Er amüsiert
sich über Dummheit reflektiert,
wann immer er sie konsumiert –
auch dann, wenn der Verstand „Genug!“ schreit.
Er sieht in einer Szenerie
voll Dummer stets die Garantie:
„Ich bin auf keinen Fall wie die!“
So wird aus feiner Ironie
Verachtung im Gewand der Klugheit.

Ungeschliffene Diamanten

Die Arbeitswelt, wie wir sie kannten,
erhielt vor Jahren einen Ruck,
um klarzustellen: Diamanten
entsteh’n alleine unter Druck.

Die Arbeitslosen sind dabei
der Kohlenstoff, aus welchem man
gewaltsam (ohne Zauberei)
die Edelsteine pressen kann.

Im Anschluss werden sie geschliffen,
um ihren Marktwert noch zu steigern.
Wer Arbeit sucht, hat schnell begriffen:
Ein Schleifobjekt darf nichts verweigern.

So fügen sich die Diamanten
dem Werkzeug, das sie weitertrimmt.
Die Form von ihren feinen Kanten
wird fortan nur noch fremdbestimmt.

Recht häufig kommt es aber vor,
dass so ein Stein beim Schleifen bricht,
obwohl doch irgendjemand schwor:
In diesem Fall passiert das nicht.

Dann fragt man kurz, woran es liegt,
dass solch ein Diamant nicht hält,
und was womöglich nicht genügt,
sodass der Kohlenstoff zerfällt.

Man findet das Problem beim Pressen
des Kohlenstoffs und ist nicht blöd:
Bei nächsten Produktionssprozessen
wird kurzerhand der Druck erhöht.

Lass mir meine Melancholie

Liedtext

Die Sonne beginnt sich herniederzusenken,
es liegt mir so fern, schon an morgen zu denken,
zumindest in diesem Moment.
Du sagst, ich solle lächeln, doch ich denke ans Weinen,
das will mir gerade plausibler erscheinen
beim fehlenden Happy End.
Ich fühl mich inzwischen zu müde zum Gähnen,
bewund’re im Stillen die Ästhetik von Tränen.
Das wird nicht für immer so sein,
aber sieh bitte ein:

Lass mir heut Nacht meine Melancholie,
in Moll muss man Schlaflieder singen.
Nimm das so hin und verdräng dabei nie:
Du kannst keinen Frohsinn erzwingen.
Lass mir heut Nacht meine Melancholie
im reißenden Strom der Zeiten.
Wie weit es mich führt und wohin ich auch zieh –
sie darf mich ein Stückweit begleiten.

Nach feurigen Reden und freudigen Tänzen
seh ich nun Scherben im Abendrot glänzen
und bin davon fasziniert.
Alles, was endet, hat einmal begonnen,
vielleicht ist schon bald ein Anfang gewonnen,
während man Altes verliert.
Bevor wir uns aber ans Fortschreiten trauen,
will ich noch mal auf die Gegenwart schauen.
Sie scheint uns womöglich verkehrt,
doch sie hat ihren Wert.

Lass mir heut Nacht meine Melancholie,
in Moll muss man Schlaflieder singen.
Nimm das so hin und verdräng dabei nie:
Du kannst keinen Frohsinn erzwingen.
Lass mir heut Nacht meine Melancholie,
ich möchte nicht einfach vergessen.
Es gibt eben Zeiten, da brauche ich sie,
um Künftiges besser zu messen.

Wir spüren das Scheitern und stehen am Ende,
Du fragst, ob sich alles zum Guten hin wende,
und klingst dabei kaum überzeugt.
Du meinst, dass Du lieber an morgen jetzt denkst
und wirfst mir dann vor, ich hätte mich längst
der Resignation gebeugt.
Mir kam nicht, wie Du glaubst, der Kampfgeist abhanden,
auch ich hab, wie Du, nicht alles verstanden.
Aber, um Neues zu tun,
sollte Altes erst ruh’n.

Deshalb:
Lass mir heut Nacht meine Melancholie,
in Moll muss man Schlaflieder singen.
Nimm das so hin und verdräng dabei nie:
Du kannst keinen Frohsinn erzwingen.
Lass mir heut Nacht meine Melancholie,
im Morgengrauen wird sie schon weichen.
Frage nie ob, sondern frage stets wie –
nur so lässt sich etwas erreichen.

Michael Feindler 2011

Der Anschlag (auf den fiktiven Banker Walther Oppermann)

Liedtext

Ich habe nichts gegen den Tyrannenmord,
die alten Griechen hielten viel von ihm.
Nicht jeden Deppen schafft man diplomatisch fort –
deshalb finde ich das manchmal legitim.
Doch mein ich mit Tyrannen nicht die Spitzen,
die man bei uns Volksvertreter nennt,
sondern jene, die woanders sitzen,
außerhalb von unserm Parlament.
In Deutschland wird der Zorn bisweilen nicht genug gepflegt
und viel zu selten wird ein Lobbyist mal umgelegt.
„Um das zu ändern“, dacht ich mir, „fang ich damit an!“ —
und plante einen Anschlag auf den Banker Oppermann.

Die Zielperson – alles schien zu passen –
musste bald zu einem wichtigen Termin
und hatte sich ein Zimmer buchen lassen
im schicken „Adlon“ in Berlin.
Er würde eine Woche dort verbringen,
ich hatte also Zeit zu spionier’n,
um schließlich, für ein besseres Gelingen,
die Bombe bei dem Banker zu plazier’n.
Ich brauchte eine Strategie für eine Sprengstoff-Falle
und setzte mich zu diesem Zweck in die „Adlon“-Eingangshalle.
Ich bestellte einen Kaffee, um 13 Uhr begann
die Planung für den Anschlag auf Walther Oppermann.

Nach kurzer Zeit schon gesellte sich
eine hübsche junge Frau zu mir.
Sie setzte sich auf einen Stuhl und fragte mich:
„Sind Sie ebenfalls zum Warten hier?“
Ich log: „Ich wart’ auf einen Freund,
äh, der hilft im Adlon ab und zu dem Koch.
Aber heute braucht er, wie es scheint,
leider bis zur Mittagspause noch.“
Sie nickte und bemerkte: „Sie warten nicht allein.
Mein Vater trifft hier erst in einer guten Stunde ein.“
Ich fragte, wie sie heiße. Sie lächelte mich an
und sagte: „Ich heiß Karin – Karin Oppermann.“

„Wie red’ ich bloß mit ihr? Das ist echt zu dumm“,
hab ich mir im Stillen nur gedacht.
„Tja, ich bringe diese Woche Deinen Vater um“,
war hier vermutlich wenig angebracht.
Sie wirkte aber völlig unbefangen
und fragte, was ich sonst im Leben treib.
So sprach ich von allerlei Belangen
und, dass ich ab und zu Gedichte schreib.
Im Gegenzug erzählte sie vom Studium in der Schweiz
und ihr Kellnerjob am Zürichsee hätte auch so seinen Reiz.
Wir redeten und lachten viel und die Zeit verrann
beim Kaffee mit der Tochter von Walther Oppermann.

Nach vier Getränken war ihr Vater da,
im Mantel kam er durch die Eingangstür,
und als er in der Halle seine Tochter sah,
lief er freudestrahlend gleich zu ihr.
Er drückte ihr zwei Küsse auf die Wange
und sagte, es sei toll, sie hier zu seh’n!
Er habe morgen frei, sie könnten lange
im Zoo von Berlin spazieren geh’n.
Dann stellte sie ihm mich vor und er schien hocherfreut:
„Ich hoffe, junger Mann, Sie habens Warten nicht bereut!“
Er zahlte unsern Kaffee und als ich mich besann,
war klar: Heut plan ich nichts mehr gegen Walther Oppermann!

Und die Moral von der Geschicht
löst nicht das Grundproblem:
An Oppermännern liegt es nicht,
vielmehr wohl am System.
Dennoch wär in unserm Staat
ein Knall nicht sinnentleert —
Es steckt in einem Attentat
auch ein symbolischer Wert!
Aus diesem Grunde will ich schau’n, wie es weitergeht
und wer auf meiner Abschussliste denn als nächstes steht:
Aha. Ein Pharmalobbyist – der wäre morgen dran.
Doch weiß ich, dass man Bomben auch per Post verschicken kann,
dann scheitert’s nämlich nicht wie bei Walther Oppermann!

Michael Feindler 2011

Hinter Zäunen und Mauern

Liedtext

Wir sitzen hinter Zäunen oder Mauern,
die Welt da draußen ist nicht unsre Welt,
doch spüren wir die Menschen draußen lauern
und schrecken auf, wenn unser Jagdhund bellt.
Wir sind gewohnt, uns täglich abzuschotten,
weil jeder Mensch uns potentiell bedroht.
Wir kennen uns’re eigenen Marotten.
Was wir nicht fühlen, halten wir für tot.

Wir sehen uns als geistige Eliten,
wir wirken, wenn wir sprechen, selbstbewusst,
und lesen der Gesellschaft die Leviten,
beklagen Wertverfall und Wertverlust.
Sozialromantik nennen wir die Lüge,
die jedem Menschen Gutes unterstellt,
obwohl selbst Optimisten zu genüge
erkennen: Es läuft anders in der Welt!

Die Angst ist unser stetiger Begleiter,
wir raffen um uns, was sich raffen lässt.
Wir streben stets nach mehr und immer weiter,
doch gierig ist bekanntlich auch der Rest.
Denn jeder Mensch ist Opfer seiner Triebe,
Moral ist ein Kostüm und niemals echt,
weshalb aus allem nur zu folgern bliebe:
Im Kern sind alle Menschen faul und schlecht.

Die Wenigsten woll’n wirklich etwas leisten,
ihr Antrieb sind Bequemlichkeit und Gier.
Das gilt da draußen für die allermeisten.
Sind wir einmal ehrlich, sehen wir:
Wir müssen Leistung notfalls auch erzwingen,
sodass, wer uns nicht hören will, uns fühlt.
Gesellschaft kann ja schließlich nur gelingen,
wird unser Menschenbild nicht weichgespült.

Ein Menschenbild in eine Form zu gießen,
machen wir seit vielen Jahren blind.
Uns fällt nicht schwer, auf andere zu schließen,
weil wir wissen, wie wir selber sind.

Michael Feindler 2013

Das Feriencamp

Liedtext

Alle Kinder sind heute sehr gespannt,
was sie im Sommercamp erwartet.
Bisher ist ihnen nur der Ort bekannt,
an dem der Erlebnisurlaub startet.
Vom Helikopter werden sie zu Hause abgeholt
und schließlich am Ziel abgesetzt.
Es dauert nicht lang, dass die Kinderschar jolt,
denn die Kleinen wissen jetzt:

Dieser Urlaub wird ein Kracher,
Action-Träume werden wahr.
Heldentum und Widersacher,
das erlebt man hier hautnah.
Fröhlich grüßen Offiziere,
jeder freut sich darauf sehr,
dass man fleißig hier trainiere
im Feriencamp der Bundeswehr!

Die Kleinen sind im Spreewald stationiert,
denn hier wird es niemanden stören,
wenn man ein paar neue Waffen ausprobiert,
die zum großen Arsenal gehören.
Zunächst lernen alle Kinder gut zu ziel’n,
um dann weiter so zu verfahr’n:
Die Besten dürfen die Deutschen spiel’n,
die anderen sind die Taliban.

Manchmal laut und manchmal leise,
manchmal konzentriert, mal wild,
geht’s auf Abenteuerreise,
hier wird nicht nur Zeit gekillt!
Fröhlich kämpfend als Soldaten
läuft der Nachwuchs hin und her.
Kinder, auf zu neuen Taten
im Feriencamp der Bundeswehr!

Nicht jeder meistert den Parcours
mit dem Minensuchgerät.
Wie schön, wenn sich in Wald und Flur
nicht nur Emotion entlädt!
Hier geht es schließlich nicht um Mord,
sondern um Verbesserung
der Leistungen im hohen Sport
der Selbstverteidigung!

Jeder darf mal Panzer fahren,
denn das ist doch gar nicht schwer,
das erfreut die Kinderscharen
bei der deutschen Bundeswehr!
Hier will jeder alles geben,
denn die Besten lädt man ein
bald schon noch mehr zu erleben –
das Camp wird dann in Syrien sein.

Michael Feindler 2014

Mehr als drei Fragezeichen

Liedtext

Sie zeigen gerne ihre Karte
und lösen jeden Fall zu dritt.
Wir sind mit ihnen eingeschlafen
und nahmen sie auf Reisen mit.
Wir haben ständig mitgefiebert,
waren überall dabei –
nicht erst auf der „Toteninsel“,
nein, schon beim „Superpapagei“.

Wenn wir ihre Stimmen hörten,
waren wir sogleich entspannt –
änderte sich auch das Leben,
diese Sache blieb konstant.
Sie versprühten Optimismus,
waren wir mal nicht gut drauf,
denn sie lösten jede Spannung
durch den Abschlusslacher auf.

Sie blieben jung, wir wurden älter
und suchten unsern ersten Job,
doch das änderte nichts an der Freundschaft
zu Justus, Peter und Bob,
doch das änderte nichts an der Freundschaft
zu Justus, Peter und Bob.

Na na na nanana …

Nur ab und zu vermissen wir
an uns die selbe Lebensart,
denn eine Jugend, die nie endet,
haben wir uns kaum bewahrt.
Und es gibt noch etwas andr’es,
das wir an den drei’n beneiden:
Gut und Böse können sie
sehr viel leichter unterscheiden.

Außerdem sind sie genügsam,
wie ihr Arbeitsplatz belegt,
denn der hat sich seit Jahrzehnten
nicht vom Schrottplatz wegbewegt.

Manchmal sähen wir das alles
gerne unter unsresgleichen,
würden gern die Segel setzen,
statt sie einfach nur zu streichen.
Doch wir werden diese Ziele
höchstwahrscheinlich nie erreichen,
denn wir sehen im Leben leider mehr
als nur drei Fragezeichen.

Michael Feindler 2012

Sie warten

Liedtext

Er hat sie einst verlassen, drei Jahre ist das her,
und wie er sie behandelte, war nicht besonders fair.
Trotz allem sehnt sie sich nach der Zeit mit ihm zurück
und meint, sie fände nur in ihm ihr wahres Lebensglück.
Sie stellt das Radio lauter, spielt der Rundfunk Liebeslieder
und meint auch heute noch: Eines Tages kommt er wieder.

Sie wartet und wartet,
nichts wird ihr zu viel.
Sie wartet und wartet,
denn sie glaubt an ein Ziel.
Sie wartet und wartet
bis es sie zermürbt.
Sie wartet und wartet
bis die Hoffnung stirbt.

Er sitzt in seinem Zimmer, draußen wird es langsam Nacht,
mit 84 Jahren hat man ihn hierher gebracht.
Morgen wird er 90 und im Pflegeheim gibt’s Kuchen,
er wünscht, dass seine Enkel ihn am Nachmittag besuchen,
obwohl das seit sechs Jahren eher unwahrscheinlich ist.
Doch er ist sich sicher, dass ihn irgendwer vermisst.

Er wartet und wartet, …

Jeden Morgen steht sie in der Arbeitsagentur,
seit über sieben Jahren wartet sie dort nur
auf einen Job, um ihre Kinder vernünftig zu ernähr’n,
sie hat schon oft versucht, es ihrem Jüngsten zu erklär’n:
Irgendwann ist sicher ein Angebot in Sicht,
dann kriegt er neue Schuhe und Schlagzeugunterricht.

Sie wartet und wartet, …

Er ist als Sanitäter bei Soldaten stationiert,
hat gemeinsam mit dem Feldarzt manche Glieder amputiert.
Bei 40 Grad im Schatten läuft er durch das Lazarett,
gibt Pillen und spritzt Morphium an jedem zweiten Bett.
Legt er sich zur Ruhe, schläft er erst nach Stunden ein
und hat nur den Gedanken: Irgendwann wird Frieden sein!

Er wartet und wartet,
nichts wird ihm zu viel.
Er wartet und wartet,
denn er glaubt an ein Ziel.
Er wartet und wartet
bis es ihn zermürbt.
Er wartet und wartet
bis er vor der Hoffnung stirbt.

Die Menschen auf der Straße rufen: „Mehr Demokratie“,
behaupten, die Politiker hörten nie auf sie!
Die Wut wird bald zum Zorn und der Zorn wird zum Protest,
die Menschen fordern laut, dass man sie mitbestimmen lässt.
Sie drohen der Regierung: „Euch wird kein Schwein mehr wähl’n!“
Dennoch ist Politikern nur eines zu empfehl’n:

Lasst sie warten, lasst sie warten!
Wozu die Hoffnung rauben?
Lasst sie warten, lasst sie warten!
Sie soll’n an Ziele glauben!
Lasst sie warten, lasst sie warten
bis es sie zermürbt!
Lasst sie warten, lasst sie warten,
weil alles einmal —

Michael Feindler 2011

Die Windsegler

Liedtext

Wir haben schon immer die Hebel der Macht
mit Worten verteidigt, mit Waffen bewacht.
Wir haben den Text für Gesetze gesetzt
und haben berufliche Netze vernetzt.
Wir werden auf Einfluss und Macht nicht verzichten
und werden uns stets nach dem Wetterhahn richten –
denn wer in den Sturm eines Zeitlaufs gerät,
muss frühzeitig wissen, woher der Wind weht.

Drum würden wir gern auf den Winden segeln,
ganz gleich, wohin sie uns trügen.
Dann würden die Winde die Richtung regeln,
befreit von menschlichen Lügen.
Wir ließen uns fallen und ließen uns tragen,
ohne zur Seite zu schauen.
Wir müssten auch nicht nach der Zukunft fragen,
könnten wir allein
den Winden vertrauen.

Das Springen ersetzt uns den sicheren Stand,
so haben wir eines schon lange erkannt:
Bevor Du die Fahne in Deinem Takt schwenkst,
muss klar sein, in welchen Wind Du sie hängst.
Wir können nichts wissen, wir können bloß meinen,
was vormittags stimmt, lässt sich abends verneinen.
Doch wenn sich der Wind mit einem Mal dreht,
wechseln wir immer ein wenig zu spät.

Wir würden so gern auf den Winden segeln, …

Wer mächtig ist, wird von der Seite bedrängt,
sobald eine Fahne im falschen Wind hängt.
Wir schauen genau, wie die Wolken grad zieh’n,
denn unsere Macht ist vom Wind nur gelieh’n.
Doch könnten wir uns in das Wolkenmeer legen
und würden uns nur noch mit diesem bewegen,
dann änderten wir uns mit jedem Detail:
Der Geist wäre leicht, das Gewissen wär frei!

Drum würden wir gern auf den Winden segeln,
ganz gleich, wohin sie uns trügen.
Dann würden die Winde die Richtung regeln,
befreit von menschlichen Lügen.
Wir ließen uns fallen und ließen uns tragen,
abwartend, voller Geduld –
und sollten wir dann in der Höhe versagen,
wäre der Absturz nie
unsere Schuld.

Michael Feindler 2011